26. Januar 2017

Meditation lernen

Wie kann ich Meditation lernen? Die schlechte Nachricht: Gar nicht. Die gute: Meditation geschieht. Oft werde ich von meinen Klienten und Teilnehmern von Seminaren gefragt, wie man Meditation lernen kann. Meine Antwort lautet dann: Indem ich sie übe. Ich übe, zur Ruhe zu kommen. Ich übe meinen Geist zu beruhigen.

Meditation lernen indem man den Geist zur Ruhe bringt

Während in unserer westlichen Welt unterschiedliche Vorstellungen davon herrschen, was Geist genau bedeutet, haben die asiatischen Lebensphilosophien wie Ayurveda, Yoga als auch der Buddhismus eine sehr klare Vorstellung davon, was Geist ist.

Entschleunigung mit Yoga

Geist ist Gedanken, Sinneswahrnehmungen und viel mehr

In diesen Philosophien ist vereinfacht gesprochen, der Geist der Ort, in dem Sinneswahrnehmungen verarbeitet werden. Es entstehen Gedanken die wiederum mit Erinnerungen und Erfahrungen verbunden sind, bzw. auch daraus entstehen.

Meditation

Es ist auch der Ort, in dem Bewertungen und Beurteilungen stattfinden. Etwas ist gut, oder eben schlecht. Der Ort, in dem Wünsche als auch Ablehnungen entstehen. Ich will etwas unbedingt haben (materiellen Wohlstand, Glück, Gesundheit usw.) oder ich lehne etwas ab (das Fremde, Ungewohnte, Unangenehme usw.).

Das Ego ist ein Teil unseres Geistes

Mit diesem Ort ist ein interessanter Aspekt damit verbunden. Das „ich“, vulär als Ego genannt. Der Yoga nennt es ahmkara, den „ich-Macher“. „Ich will“, „ich denke“, „ich bin“.

Unser Ich, das Ego bei der Mediation erfahren

Meditation lernen um zu erfahren, dass wir mehr als unser ich sind

Eine elementare Erfahrung der Meditation ist meines Erachtens, dass das „ich“ zu mir gehört. Ebenso wie meine Gedanken, Wahrnehmungen, Beurteilungen usw. Aber ich eben viel mehr als dieses „ich“ und diese Gedanken, Wahrnehmungen und Beurteilungen bin.

Dies ist schwierig zu verstehen. Denn Verstand ist ja ebenfalls ein Teil des Geistes. Und somit ist es schwer, etwas mit dem Verstand zu verstehen, was „hinter“ eben diesem Verstand liegt.

Achtsamkeitstraining

Meditation lernen mit Stefan Geisse

Kann man also Meditation lernen wie eine Fremdsprache oder Mathematik? Meines erachtens geht es bei der Meditation darum, sich auf etwas einzulassen, was nicht in unserer Macht steht.

Der Geist versucht alles zu kontrollieren

Denn das Wesen des Geistes ist es, alles kontrollieren und verstehen zu wollen. Es ist seine Aufgabe, die Umwelt wahrzunehmen, mit Erfahrungen abzugleichen und die Situation zu bewerten. Dieser Mechanismus hat unser Überleben gesichert. Gefährliche Situationen können so gemeistert werden. Je mehr der Geist lernt, ergo je mehr er an Erfahrungen und Sinneseindrücken sammeln kann, desto mehr kann er Situationen beurteilen und bewerten. Gut. Schlecht. Angenehm. Gefährlich.

Das Problem dabei: Wenn wir unserem Geist freie Bahn lassen, übernimmt er die Kontrolle über uns. Denn er entscheidet in Sekundenbruchteilen ob eine Situation gut ist oder unangenehm. Ob wir jemanden mögen, oder ablehnen. Doch heute geht es nicht mehr um das reine Überleben, also der schnellen Einschätzung, ob eine Situation oder Person wirklich lebensbedrohlich ist.

Sondern darum, unsere Potentiale zu leben. Es geht darum, wieder zu dem wahren Kern unseres Selbst zu finden. Denn dort, zumindest in der asiatischen Sichtweise, ist wahres Glück, Zufriedenheit und Frieden.

Meditation lernen um den Geist zu Ruhe zu bringen

Mit der Meditation lernen wir also die Aktivitäten des Geistes zu beobachten: Welche Sinneswahrnehmungen ist gerade da? Welcher Gedanken entsteht daraus? Welche Folgegedanken? Kommen Bewertungen ins Spiel? Oder gar Wünsche und Ablehnungen? Und letztendlich: Führt dies zu emotionalen Reaktionen wie Trauer, Unsicherheit, Wut oder Angst?

Meditation lernen bei Yogaferien

Dies führt noch nicht dazu, dass der Geist (also der Ort in dem all dies geschilderte geschieht) automatisch zur Ruhe kommt.

Je länger wir Meditation lernen, desto mehr entwickelt sich Gleichmut

Aber es führt dazu, dass wir immer mehr ein tiefes Gefühl von Zuversicht, Sicherheit entwickeln. Denn nach und nach spüren wir: Es sind ja nur Gedanken. Es sind nur Bewertungen. Es sind nur Gefühle.

Diese sind ein Teil von uns. Aber wir sind sie nicht.

Sondern da ist noch viel mehr.

Meditation lernen um das Selbst zu erfahren

Und dieses „mehr“ ist eben unser wahrer Wesenskern. Unsere innere Führung. Unser Hohes Selbst. Unser göttlicher Funke. Ganz gleich, welche Worte wir dafür finden (Worte sind letztendlich auch nur Gedanken entsprungen), ganz gleich, welchem kulturellen und religösen Hintergrund wir entspringen: In der Meditation erfahren wir diesen Kern.

Unser Wesenskern ist frei von Bewertungen

Die asiatischen Philosophien lehren uns, dass dieser unserer Kern frei ist von jeglichen Bewertungen wie gut, schlecht, schön, schlimm usw. Er ist frei von Gefühlen, er ist frei von Krankheit und Tod. Denn er ist ein Teil des Grossen Ganzen. Er ist göttlich. Dort ist Sat-Chit-Ananda.

Sat: Zustand des Seins oder der Existenz an sich, auch Wahrheit. Chit: Bewusstsein, Verstand, auch Wissen. Wird meist im Sinne eines reinen unpersönlichen Bewusstseins verstanden. Und Ananda: Die bedingungslose Freude, Glückseligkeit.

Kann ich also das alles lernen? Nein. Aber ich kann lernen, wie ich übe, den Geist zu beruhigen.

Der Geist steht zwischen unserer Umwelt und unserem wahren Wesenskern

Denn unser Geist, ein wichtiger Teil unseres Lebens (wir wären ohne ihn Lebensunfähig), steht zwischen der Umwelt und unserem innersten Wesenskern.

Das Kosha Modell

Dies schwer verständliche Phänomen erklärt sehr eindrücklich das sogenannte Kosha-Modell aus der indischen Philosophie, genauer den Taittiriya Upanishad. Diese sind ein Teil des grössten Wissens, das uns Menschen zugänglich ist, den vedischen Schriften.

Vereinfacht gesprochen sagt dieses Modell, dass unser Leben aus verschiedenen Hüllen (Koshas) besteht. Es hilft uns zu verstehen, den inneren Weg im Yoga – also der Meditation – als schrittweise Entwicklung eines zunehmend feineren und doch ganzheitlichen Gewahrseins und Seins darzustellen.

Kosha Modell bei der Meditation erfahren

Verschiedene Schichten führen zu unserem innersten Wesenskern

Das Kosha Modell ist also kein anatomisches Modell, vielmehr eine „Metapher zur Beschreibung, wie es sich anfühlt, wenn man von innen heraus Yoga und somit Meditation praktiziert – den Prozess der Ausrichtung dessen, was wir in der zeitgenössischen Sprache oft ›Körper, Geist und Seele‹ oder ›die Verbindung von Körper und Geist‹ nennen”, so die Yogalehrerin Shiva Rea.

Die äusserste Hülle, ist unser physischer Körper (anamaya kosha, in etwa: „die Hülle die Nahrung braucht“). Also das Transportvehikel mit dem wir diese Welt erfahren. Über pranamaya kosha, der Energiehülle gelangen wir zum manomaya kosha: Der Sitz unseres Gedanken, Sinneswahrnehmungen, aber auch des Egos, der Gefühle und der Bewertungen. Unser Wesenskern (unser „Selbst“) wird umhüllt von vijnanamaya kosha, der Intuition und letztendlich von anandamaya kosha. Der Sitz der Wonne, der Freude und des Friedens.

Das Kosha Modell erläutert von Mark Stephens (Yoga-Workouts gestalten, Riva Verlag, München 2014)

Techniken um Meditation lernen

Also kann ich nicht stur Meditation lernen. Aber ich kann Techniken erlernen, die mich in meditative Phasen hinführen. Auch dies ist für uns westlich geprägten Menschen schwierig nachzuvollziehen.

Denn auch hier ist wieder unser Geist involviert: Von früh auf, lernt er, dass es für alles eine Erklärung gibt, dass alles logisch nachvollziehbar ist. Dass das, was durch unsere Sinne erfahrbar ist (wir können etwas sehen, messen, wiegen, ausrechnen usw.), also dass all das, was die Wissenschaft beweisen kann, existiert. Und dass alles andere Spekulation ist und somit vielleicht nicht existiert. Die Aufklärung, allen voran mit Rene Descartes („Ich denke, also bin ich“) hat diese Einstellung nachhaltig geprägt.

Meditation und Aufklärung

Meditation vs. Aufklärung: Ich denke also bin ich. Wirklich?

Descartes gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt. Von ihm stammt das berühmte Zitat „cogito ergo sum“: „Ich denke, also bin ich.“ mit der er auch das Selbstbewusstsein als philosophisches Thema eingeführt hat.

Dieses dictum bildet die Grundlage seiner Metaphysik und seiner gesamten Arbeit. Seine Auffassung bezüglich der Existenz zweier miteinander wechselwirkender, voneinander verschiedener „Substanzen“ – Geist und Materie – ist heute als cartesianischer Dualismus bekannt und steht im Gegensatz zu den verschiedenen Varianten des Monismus sowie zur dualistischen Naturphilosophie Isaac Newtons, der die Wechselwirkung aktiver immaterieller „Kräfte der Natur“ mit der absolut passiven Materie lehrt.
Descartes hat die Philosophie bis in die Gegenwart hinein stark beeinflusst, und zwar vorwiegend dadurch, dass er Klarheit und Differenziertheit des Denkens zur Maxime erhob. Darin unterscheidet sich die westliche Sicht auf das Leben fundamental zu den asiatischen Lebensphilosophien des Yoga, Buddhismus und Ayurveda.

Franz von Baader, ein deutscher Philosoph, formte später das “Cogito ergo sum” um in “Cogitor ergo sum”: „Ich werde gedacht (vom Absoluten), also bin ich.“

Doch wie kann ich etwas sehen, messen, wiegen, ausrechnen, was tiefer geht als das rationale Denken?

Ich kann es nicht. Ich kann es jedoch erfahren, spüren, auf einer anderen Ebene wahrnehmen. Auf einer Ebene, die ich Meditation nenne.

Der Schlüssel: Meditation lernen mit dem Atem

Nach und nach erkennen wir auch im Westen die Bedeutung des Atems. Dieser geht viel tiefer als reiner Gasaustausch wie es in der Medizin erklärt wird. Denn der Atem ist magisch!

Wir beginnen unser Leben mit einem Atemzug. Und wir verlassen unseren Körper mit dem sprichwörtlichen letzten Atemzug. Dazwischen hören wir nicht auf zu atmen. Alles geschieht unbewusst. Gesteuert durch das zentrale Nervensystem (zum Glück, denn müssten wir jederzeit darüber nachdenken, ob wir jetzt atmen, hätten wir wahrlich sehr viel Stress) atmen wir schneller, langsamer, tiefer, flacher. Je nachdem, was unser Körper gerade leisten muss („fight or flight“ oder tiefe Entspannung).

Atem bei der Meditation

Aber unser Atem hat noch eine weitere Dimension. Denn er ist das einzige „Instrument“, das nicht nur autonom geschieht, sondern das wir auch bewusst einsetzen können. Wir haben einen direkten Einfluss auf unseren Atem. Dies können wir weder mit unserem Herzen, Blutdruck, mit den Tätigkeiten unserer anderen Organe wie Leber, Milz, Nieren usw. Der Atem ist also das einzige, was sowohl autonom, passiv als auch bewusst, aktiv eingesetzt werden kann.

Die Konsequenz: Es liegt in unserer Hand, unser zentrales Nervensystem bewusst zu beeinflussen. Indem wir bewusst atmen (idealerweise langsam, tief, kraftvoll und zugleich sanft wie es der Yoga empfiehlt), können wir die anderen Funktionen unsere Körpers beeinflussen. Die folge:

Durch den Atem körperliche und geistige Entspannung erreichen

Der Körper wird ruhiger, das zentrale Nervensystem schwingt mehr auf die Erregung des Parasympathikus, Entspannung setzt ein.

Und mit der körperlichen Entspannung folgt auch etwas zeitversetzt die geistige Entspannung. Denn Körper und Geist korrespondieren, sie können nicht ohne einander existieren.

Beruhigt sich der Geist, so können wir tiefer blicken. Der Yoga benutzt hier ein wunderschönes Bild: In der wichtigsten Philosophieschrift des Yoga, den Yoga Sutra heisst es frei übersetzt: Der Zustand des Yoga ist, wenn die Wellen des Geistes sich beruhigen und wir zum Grund unseres wahren Seins blicken können.

Denn ist der Geist beruhigt und seine „Wellen“, also gängige Muster wie Bewertungen, Verurteilungen, Glaubenssätze usw. ruhig, gleicht dies einem See, in dem wir auf den Grund schauen können.

Und dort gibt es wahre Schätze zu entdecken!

Meditationslehrer Stefan Geisse

Meditation lernen mit Stefan Geisse

Meditation lernen mit Stefan Geisse

Stefan Geisse ist Meditationslehrer und gibt regelmässig Einführungen in die Meditation und Achtsamkeit. Er gibt Seminare und Auszeit in Klöstern und Unternehmen für Führungskräfte die gestresst sind und so Entschleunigung erfahren möchten. Und erst einmal ganz schnell Meditation lernen wollen. Und nach und nach feststellen, dass es dabei um eine wunderbare Entdeckungsreise geht.

Eine Reise zu unserem Selbst.