Was uns die Bhagavad Gita über den Yoga lehrt

Interview mit Guido von Arx über Liebe, Wahrheit, Karma und Yoga im Licht zeitloser Weisheit der Bhagavad Gita.

 

Stefan Geisse: Lieber Guido von Arx, als Indien-Kenner und Freund der altindischen Kultur und Philosophie, ist es mir eine große Ehre, mich heute mit dir über die Bhagavad-Gita zu unterhalten. Du selbst hast einige Übersetzungen dieses zeitlosen Klassikers geschrieben, von dem Wilhelm Humboldt einst sagte: „Die Bhagavad-Gita ist das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben.“

Guido von Arx: Ich danke dir ganz herzlich, Stefan, für diese wunderbare Gelegenheit! Zuerst allgemein: Indien weist die umfassendste und umfangreichste Literatur zu den großen Fragen des Seins auf. Die klassischen Texte, zusammenfassend als die Veden bekannt, wurden alle in Sanskrit verfasst – der ältesten heute noch gesprochenen Sprache. Von all diesen vielen Texten ist die Bhagavad-Gita das bekannteste Werk. Auf der einen Seite, weil diese Zusammenfassung der vedischen Weisheiten in einfachen Worten ausgedrückt wurden, auf der anderen Seite wegen seiner zeitlosen und tiefsinnigen Botschaft, die im Westen genauso relevant ist wie in Indien.

Was wir von der Bhagavad Gita lernen

Stefan: Oft setzen wir im Westen Yoga mit körperlichen Übungen, Asanas und Atemlenkung, Pranayama gleich. In der Bhagavad Gita, soweit ich es verstehe, geht der Yoga Begriff viel weiter und Krishna, der Sprecher der Bhagavad-Gita, zeigt die verschiedenen Bedeutungen von Yoga auf.

Guido: Du hast recht, in der Gita ist die Anwendung vom Wort Yoga sehr breit gefasst. Mit Yoga ist unter anderem eine gesunde Balance gemeint (keine Extreme), wie auch die Verbindung zum ewigen Selbst (dem eigenen und dem göttlichen). Um diese Ausgeglichenheit und diese tiefe Verbindung zu erlangen, beschreibt Krishna verschiedene Yoga-Vorgänge, die je nach Typ und Veranlagung angewendet werden können. Karma-Yoga ist für die Tatkräftigen ideal, Dhyana-Yoga stimmt für jene, die gerne in der Einsamkeit meditieren, Jñana-Yoga hilft jenen, die tieferes spirituelles Wissen und Entsagung suchen und Bhakti-Yoga ist der Vorgang der liebenden Hingabe zu einem persönlichen Gott.

Meditation Stefan Geisse Achtsamkeit

Stefan: Was ist nun genau Yoga in Krishnas Erläuterungen?

Guido: Ein echter Yogi steht über der Dualität dieser Welt. Er oder sie sucht das Glück nicht im Äußeren, sondern findet es im inneren Selbst. Ein Yogi muss kein Fakir sein, der strenge Gelübde auf sich nimmt und viele Stunden meditiert. Ein Yogi handelt oft wie ein normaler Mensch – arbeiten, essen, schlafen usw. In seinem Inneren ist er aber stets zufrieden und ausgeglichen, toleriert Glück und Leid wie das Kommen und Gehen von Sommer und Winter.

 

Stefan: Ein Vers, über den ich immer wieder stolpere und im Unklaren ob seiner tieferen Bedeutung bin, ist 4.11: „In dem Masse, wie die Lebewesen bei mir Zuflucht suchen, offenbare ich meine Liebe. Alle wandeln auf meinen Pfaden.“ Kann ich mir also einfach wünschen, was mein Ego will und es geht in Erfüllung? Und ist das nicht materiell anhaftend – von dem ich mich ja im Yoga gerade lösen möchte? Das würde ja Vers 6.2 widersprechen: „Wer seine egoistischen Motive nicht aufgibt, kann kein Yogi werden.“

Guido: 4.11 ist einer meiner Lieblingsverse. Damit ist gemeint, dass Gott sich dir so offenbart, wie du dich ihm zu- oder abwendest. Willst du ihn verneinen, hält er sich zurück. Möchtest du ihn erfahren, offenbart er sich durch seine vielen Wunder der Schöpfung. Es ist wie mit der Sonne. Wer sich vor ihr versteckt, befindet sich einfach in ihrem Schatten. Auch der Schatten ist Teil der Sonne. Wenn du egoistisch handeln möchtest, darfst du das – wirst aber auf diese Weise dem Göttlichen nicht näher kommen. Die Schattenexistenz ist eigentlich eine Illusion, doch auch sie wurde von Gott erschaffen, damit jene, die ihn verneinen, dies auch tun können. So sind wir alle auf Gottes Pfaden – die einen nähern sich ihm, die andere wenden sich von ihm ab. Es geht im Endeffekt um Liebe, und Liebe ist von Natur aus immer freiwillig.

 

Stefan: Ich übe mich, durch Yoga meinen Geist zu schulen. Ein wunderbarer Vers, der mich immer wieder begleitet ist 6.5: „Lass dich durch deinen Geist erheben und nicht erniedrigen. Dein Geist kann dein Freund wie auch dein Feind sein.“ Zugebenermaßen klingt das zu schön, um wahr zu sein. Was empfiehlt Krishna den Menschen, die stark verstrickt sind und z.B. durch traumatische Erlebnisse oder anderweitiges Karma nicht klarsehen können. Können sie ohne fremde Hilfe ihren Geist zum Freund machen?

 

Guido: Im Normalfall können wir durch Disziplin viel erreichen. Arjuna, der Krishna in der Gita die Fragen stellt, meint, der Wind sei einfacher zu kontrollieren als der Geist. Krishna bestätigt, dass es sehr schwierig ist, unsere Gedanken zu kontrollieren. Sein Ratschlag: „Durch stetige Übung und Loslassen kann der Geist nach und nach kontrolliert werden“ (Bhagavad-Gita 6.36). Das heißt, es gibt wohl keine Abkürzung, sondern nur ernsthaftes Bemühen.
Einige Seelen, die durch vergangene, schwere Begebenheiten (sogenannten Samskaras) sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, können ohne professionelle Hilfe ihre mentalen oder emotionellen Probleme kaum lösen. Viele westliche Psychotherapeuten setzen leider oft einfach chemische Medikamente ein, um den Geist „ruhig“ zu stellen. Das Problem ist damit aber nicht gelöst. Immer wieder höre ich von ayurvedischen Ärzten, die mentale Krankheiten ganzheitlich behandeln und einen Großteil ihrer Patienten heilen können. Im Zeitalter der Globalisierung sollte es möglich sein, dass Schulmedizin und Psychotherapie auch von der Alternativmedizin lernen.

 

Stefan: In 6.20 sagt Krishna: „Wer seinen Geist durch Yoga ruhig zu stellen vermag, kann das Höchste Selbst durch reines Bewusstsein wahrnehmen und erfreut sich im Höchsten.“ Mir kommen Parallelen zu Patanjalis Yoga-Sutra in den Sinn. Beschreibt Krishna hier Samadhi, genauer Nirvikalpa Samadhi?

Guido: Ja, das Ziel von Yoga und Meditation ist u.a. die Kontrolle des Geistes. Der Geist ist subtil, zäh, widerspenstig, faul und sehr entschlossen, seine Kontrolle nicht aufzugeben. Er ist mächtig – mächtiger als der Körper und die Sinne. Die Intelligenz und das reine Herz stehen über dem Geist. Wie wir alle aber täglich erfahren, ist unser mentaler Bereich oft eine Herausforderung (schlechte Konzentration, verrückte Gedanken, negative Vorstellungen usw.).
Samadhi ist der (mentale) Zustand der vollkommenen Ausgeglichenheit. Der Geist ist wie der Wind, der das Licht einer Kerze löscht, wenn er unruhig ist. Der Yogi möchte einen „windstillen“ Geist, damit das Licht der ewigen Wahrheit in seinem Bewusstsein ungehindert leuchten kann. Das ist die Bedeutung von Samadhi, wie sie Patanjali und Krishna beschreiben.

 

Stefan: Wie können wir „den Geist durch stete Übung allmählich beherrschen?“ Was genau sollen oder können wir üben, um diesen Zustand zu erreichen? Kann man als im materiell lebender Mensch in westlichen Industrieländern überhaupt den Geist beherrschen?

Guido: Wer in einer einsamen Höhle in den Himalayas meditiert, hat es vielleicht einfacher, als jemand, der in Zürich durch die geschäftige Bahnhofstrasse wandelt. Wichtig sind folgende Eigenschaften: Geduld, Entschlossenheit und Liebe.

Ich bin der Komponist meiner Gedanken

Durch Zwang erreichen wir nichts. Mit Gewalt lässt sich der Geist nicht bändigen. Mit Tricks schon eher. Der Geist ist nicht smart. Hat er mal wieder verrückte Ideen, vertrösten wir ihn auf später: „Ja, mein lieber Geist, ich habe verstanden. Doch zuerst machen wir die Yoga-Übungen fertig, dann gehen wir ein bisschen an die frische Luft. Anschließend muss ich noch eine dringende und wichtige Arbeit erledigen … Aber eines verspreche ich dir – all das macht Spaß. Und vielleicht habe ich ja später Zeit für dich und deine Wünsche.“ Krishna spricht auch von „param Rasa“ – dem höheren Geschmack. Wenn wir durch tugendhafte und spirituelle Tätigkeiten nach und nach einen sattvischen Geschmack daran entwickeln, machen materialistische Handlungen kaum mehr Freude.
Wichtig ist auch, den Geist positiv zu beschäftigen. Im Englischen heißt es treffend: „An idle mind is the devil’s workshop.“ Sinnvolle, erhebende, erfüllende Tätigkeiten – eine gesunde Work-Life-Balance – da macht auch der Geist mit.

 

Stefan: Krishna sagt, dass er selbst weder durch „das Studium der Veden, noch durch Askese, Wohltätigkeit oder Anbetung gesehen werden“ kann, sondern nur durch einen „reinen liebevollen Dienst“ (11.53, 54). Verstehe ich richtig, dass nach Krishnas Aussage weder Jñana-Yoga, Raja-Yoga noch Karma-Yoga zum Ziel führen? Und wie verhält sich das mit Kriya-Yoga von Patanjali: „Askese, eigenes Studium heiliger Texte und Hingabe an Gott“ (Yoga-Sutra 2.1)?

Guido: All diese Yoga-Pfade sind Wege – nicht das Ziel. Das Studium der Veden usw. sind hilfreich, sie werden empfohlen, doch ohne die göttliche Verbindung sind sie nur „stepping stones“, Zwischenhalte. Askese macht rein, kann aber auch hart und stolz machen. Wer aus reiner Liebe handelt, braucht kein anderes Gesetz, kein anderer Weg, kein zusätzlicher Vorgang. Da wir aber mit auch Egoismus konditioniert sind – und daher nicht immer selbstlos und liebevoll handeln – helfen uns diese Yoga-Vorgänge, um nach und nach diese höchste Stufe der reinen Liebe zu erreichen.

 

Stefan: Die Bhagavad Gita beschreibt in Kapitel 12 wünschenswerte Eigenschaften, um von Krishna geliebt und somit befreit zu werden: frei von Hass, mitfühlend, ausgeglichen, zufrieden usw. (12.13ff). Dies erinnert mich stark an die Kultivierung der vier Bhavanas von Buddha: liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut, wie sie auch Patanjali in YS 1.33 aufführt und auch Jesus predigt (z.B. „Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.”,
1 Petrus 3:8). Haben alle voneinander „abgeschrieben“ oder gibt es Unterschiede zwischen den Werken bzw. Philosophien?

Guido: In sämtlichen Religionen wird empfohlen, frei von Egoismus und zum Wohle anderer zu handeln. Dadurch entwickeln wir Empathie, Herzlichkeit und Liebe. Am Punkt der Ewigkeit treffen sich alle echten religiösen Pfade. Unterschiede gibt es natürlich auch. Im Sanskrit heißen sie Kala–Desha-Patra – Zeit, Ort und Umstände. Buddha lebte in einer anderen Zeit als Krishna, Jesus, Mohammed usw. Der Zeitgeist war überall etwas anders, die Schüler/Jünger auf einem anderen Niveau – aber in der Essenz lehren allen Religionen das Gleiche – Liebe zu Gott und zu seiner Schöpfung.

Ego sum via, veritas et vita: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben sagt Jesus

 

Stefan: Die Samkhya-Philosophie, die meines Erachtens neben der Advaita-Vedanta (Nicht-Dualität) prägend für ein tieferes Verständnis des Yoga ist, erwähnt die drei Gunas, die Grundeigenschaften allen Lebens. Lange dachte ich, dass es das Ziel sei, Sattva-Guna (Tugendhaftigkeit, Weisheit, Friedfertigkeit) zu kultivieren, um Herr über die Leidenschaft (Rajas) und Dunkelheit und Unwissenheit (Tamas) zu werden. Die Bhagavad Gita sagt jedoch, dass auch Sattva-Guna fesselt. Nämlich „durch das Band von Glück und Erkenntnis“ (14.6). Muss ich erst Sattva-Guna kultivieren, um es dann wieder aufzulösen? Und wenn ja, was heißt das für meine Yoga-Praxis?

Guido: Sattva-Guna ist die ideale Grundlage für spirituelles Leben. Sattva ist noch nicht spirituell, sondern das Vorzimmer. Es ist wie mit der Pflicht und der Liebe. Besser als untätig sein, ist es, seine Pflicht zu erfüllen (Sattva). Wer jedoch aus Liebe handelt, hat die höhere Stufe erreicht (Bhakti-Yoga). Transzendenz heißt ja, jenseits der Dualität dieser Welt – und in Verbindung mit der göttlichen Wahrheit.


Krishna empfiehlt Sattva-Guna in den letzten Kapiteln der Gita, zeigt aber auch, dass sich ein Yogi weiter auf die Stufe der Transzendenz entwickeln soll. Sattva-Guna ist immer hilfreich, auch im spirituellen Leben, denn sie hilft uns ein tugendhaftes, ausgeglichenes und reines Leben zu führen. Durch Yoga und Meditation können wir zusätzlich die spirituelle Stufe erreichen.

 

Stefan: Lieber Gudio, von Herzen Danke ich dir für deine Erklärungen. Zum Abschluss – nach so viel Philosophie: Was ist dein persönlicher Lieblingsvers der Bhagavad-Gita?

Guido: Nun, ich habe mehrere. 4.11 habe ich bereits erwähnt. Ein weiterer steht im letzten Kapitel, ziemlich am Schluss: „Lieber Arjuna, somit habe ich dir die tiefsten Geheimnisse offenbart. Denke in Ruhe darüber nach und tue dann, was du für richtig hältst“ (18.63). Auf der einen Seite gefällt mir diese Freiheit, die Krishna uns gibt (kein Zwang, sondern Verständnis und Liebe). Auf der anderen Seite kommt auch unsere Eigenverantwortung klar rüber. Ich denke, wir können nur glücklich sein, wenn wir für unser Leben zu 100% Verantwortung übernehmen und eine gesunde Balance zwischen unseren weltlichen Aufgaben und unseren spirituellen Tätigkeiten entwickeln. In diesem Sinne: Machen wir enthusiastisch weiter! Wir sind zwar noch nicht am Ziel, aber auf dem richtigen Weg.

 

Guido von Arx reiste bereits seit seinen frühen Zwanzigern regelmäßig nach Indien. Er ist ein großer Freund und Kenner der indischen Kultur und Philosophie. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter eine wundervolle Übersetzung der Bhagavad Gita, aus der auch die Zitate dieses Interviews stammen. Zusätzlich schrieb er eine Bhagavad-Gita speziell für Jugendliche. Im Moment steht er kurz vor dem Abschluss zu einer Gita für unterwegs – A6-Format und 128 Seiten – das gesamte Werk prägnant und leicht verständlich formuliert. Guido gibt regelmäßig Seminare im deutschsprachigen Raum über die Bhagavad-Gita, die Kunst der Kommunikation sowie Dharma – das Erkennen und Erfüllen der Lebensaufgabe.

Stefan Geisse ist Ayurvedischer Berater für Psychologie, Ernährung und Lebensführung. Er übt Yoga in der Tradition von Sri Krishnamacharya und seinen letzten langjährigen Schülern T.K.V. Desikachar und A.G. Mohan. Er gibt regelmässig Stress-Auszeit Seminare in Klöstern in denen er Achtsamkeit, Meditation und Atem- und Körperübungen des Yoga lehrt.

Mehr über Guido und über Stefan

 

Yoga Ayurveda meditation Yogafestival KientalGuido von Arx wird zusammen mit Krishnananda Battacharya, der aus einer traditionsreichen indischen Brahmanen-Familie stammt, Workshops zur Philosophie der Bhagavad-Gita am Yogafestival Summer of Love geben (25.–27. August 2017).