Die Yogapraxis an der Ayurvedischen Gesundheitslehre ausrichten

Svasthavrtta: Die präventive ayurvedische Lehre für das tägliche Leben welche uns Gesund hält. Von Stefan Geisse, Yoga- und Meditationslehrer und Ayurvedischer Berater für Psychologie, Ernährung und Lebensführung

Immer wieder beobachte ich Yogaschüler, wie sie betonen, wie wichtig es ist, sich gesund zu ernähren und gesundheitsschädliche Faktoren zu vermeiden um so auf dem Yogaweg weiter fortschreiten zu können. Wichtige Yogatexte wie die Bhagavad Gita oder die Hatha Yoga Pradipika verweisen zu Recht darauf.

Aber auch die ersten zwei Glieder von Patanjalis ashtanga yoga (YS 2.29 ff) sind als Grundlage unserer Yogapraxis unumstösslich: Die yamas, die Disziplinen im zwischenmenschlichen Verhalten, als auch die niyamas, die Regeln des Alltagsverhaltens.

Doch während die yamas recht greifbar in den Yoga Sutras beschrieben sind, lässt Patanjali die Regeln des Alltagsverhaltens recht offen – was ja auch in einer philosophischen Schrift nicht weiter verwunderlich ist, kann sie ja nicht zu sehr in das „operative“ eingreifen. Es heisst im Yoga Sutra 2.32 lediglich: „Niyama umfasst Reinheit, Zufriedenheit, Selbstdiziplin, Selbststudium und Hingabe.

Ayurveda, die „Schwester“ des Yoga gibt konkrete Handlungsempfehlungen

Hier hilft mir die Ayurvedische Lehre sehr. Denn als ganzheitliche Lebens- und Heilkunst hat Ayurveda auch für unser modernes Leben viel zu bieten. Denn mehr als drei Viertel der ayurvedischen Empfehlungen dienen der „Gesunderhaltung des Gesunden“. Der Ayurveda fasst dieses Wissen unter dem Begriff svasthavrtta zusammen.

Alle wirkungsvollen Methoden und Empfehlungen, welche unsere Lebensenergie (im Ayurveda ojas, im Yoga prana) als auch unsere Vitalität und Abwehrkraft steigern, werden detailliert beschrieben. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass diese in direkten Bezug zu unserer körperlichen und mentalen Konstitution angewendet werden. Diese ist vielen unter den doshas, den Ordnungsprinzipien bekannt, oder zumindest vom Namen her geläufig

Die doshas bestimmen unsere Konstitution und unsere Lebensführung

So ist nach Ayurvedischer Lehre wichtig zu verstehen, welche Ordnungsprinzipien bei mir grundsätzlich vorherrschen bzw. durch meine aktuelle Lebensführung ggf. sogar erhöht sind.

Gerade in unserer schnelllebigen Zeit, die von Stress, Hektik und ständiger Erreichbarkeit und dem intensiven Einsatz von sozialen Medien beherrscht ist, beobachte ich bei meinen Klienten in meiner Ayurveda-Beratung oft, dass ihr Vata-Dosha deutlich erhöht ist.

Zeichen sind dabei oft Ausgezehrtheit, Müdigkeit, Stress, innere Nervosität, Blähungen, Verstopfungen, trockene Haut, Verlangen nach Wärme und undefinierbaren Ängsten bis hin zu einem Gefühl von Leere, Selbstzweifeln und Sinnlosigkeit. Alles wirbelt im Kopf unkoordiniert durcheinander, Betroffene verspüren wenig Kraft und Sicherheit in ihren Handlungen. Hält die Störung an, entwickeln sich Schlafstörungen, Ohrgeräusche und Schwindelanfälle.

Bei erhöhtem Vata und Stress empfiehlt Ayurveda eine gemässigte Lebensführung, die von Ruhe und Struktur geprägt ist. Essen Sie regelmäßig und in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre. Bevorzugen Sie warme, gekochte, aufbauende und leicht verdauliche Nahrungsmittel mit süßer Geschmackskomponente. Besonders gut verträglich sind: Wurzelgemüse, Nüsse, Getreideflocken, Kompott aus süßen Früchten, Butter und Sahne. Auch soll ausreichend warme Getränke und Vormittags 1-2 Tassen warmes Ingwerwasser zur Anregung der Verdauung getrunken werden.

Yoga und Ayurveda ergänzen sich wunderbar im gelebten Alltag

Gesundheit, Selbsterfüllung und eine geistige-spirituelle Entwicklung gehen Hand-in-Hand. Und Ayurveda ist eine wundervolle Ergänzung und Bereicherung zu unserer Yogapraxis. Wollen wir im Yoga unter anderem unser inneres Wachstum und die Entfaltung unserer Herzensqualität (Bhavanas: Liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut bekannt, vgl. hierzu Yoga Sutra 1.33) entfalten, hilft es, auch unseren Körper Gesund zu halten.

Dabei legt der Ayurveda Wert auf die Feststellung, dass diese nicht nur durch meditative Übungen und spirituelle Techniken erreicht werden, wie sie beispielsweise im Rajas Yoga des Patanjali oder in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben werden. Sondern sich auch durch die Grundhaltung zum eigenen Leben und den Gewohnheiten und Verhaltensstrukturen im Alltag manifestieren.

Die Ayurvedische Lehre beschreibt nicht nur wie Krankheiten in ihrem Heilungsprozess unterstützt werden können, sondern auch wie Krankheiten von vornherein vermieden werden können und nennt dies Svasthavrtta.

Svasthavrtta im Alltag als Ergänzung zur Yogapraxis

In den klassischen Texten des Ayurveda werden unter dem Sammelbegriff Svasthavrtta viele Empfehlungen für unser tägliche Routine aufgezählt. Darunter fallen detaillierte Verhaltensregeln für Tag und Nacht, die verschiedenen Jahreszeiten und das Nicht-Unterdrücken unserer natürlichen Körperdränge. Unser Wohlbefinden hängt laut Ayurveda von den ständigen Bewegungen der Zyklen – wie zum Beispiel Tagesrhythmus, Jahreszeiten, hormoneller Zyklus, Mond- als auch Lebensphasen ab.

Mit der Dosha-Uhr leben

Eine harmonische Abstimmung des Lebensrhythmus mit der inneren Dosha-Uhr entsprechend der eigenen Konstitution ist besonders wichtig. Zu den verschiedenen Tages- und Nachtzeiten sind jeweils verschiedene Ordnungsprinzipien (doshas) besonders aktiv und wirken sich in unterschiedlicher Qualität auf unser Wohlbefinden aus. Ayurveda Tipps bei Schlafstörungen.

So benötigt beispielsweise eine Vata geprägte Konstitution (besonders viele Luft- und Raum-Anteile mit den Eigenschaften rau, trocken, kalt, beweglich, subtil, fein usw.) einen kleinen Mittagsschlaf und aufbauende Mahlzeiten. Während Kapha geprägte Konstitutionen (vorwiegend Erd- und Wasseranteile mit Eigenschaften wie schwer, klebrig, weich, fest, stabil usw.) dies tunlichst vermeiden sollten. Feurige Konstitutionen (Pitta) benötigen besonders ayurvedische Reinigungsmassnahmen am Morgen, um sich von überschüssigen Stoffwechselprodukten (ama!) und Säuren zu befreien.

Meine Erfahrung zeigt dabei: Je mehr ich mich selbst, meine Konstitution und meine daraus abgeleiteten Bedürfnisse kenne, umso subtiler kann ich mich auf die verschiedenen Zyklen des Lebens einwirken. Und so in der Harmonie mit der Natur leben.

Morgendliche Reinigungsprogramm nach Ayurveda

Die ayurvedischen Verhaltensregeln für den Tag (dinacharya) beginnen mit einem täglichen Morgenprogramm, welches den Körper reinigt und den Geist erfrischt.

Dieses geht über das übliche Duschen und Zähneputzen hinaus. So schabe ich zum Beispiel meine Zunge und ziehe mehrere Minuten lang Sesamöl um überschüssiges ama zu entfernen.

Eine Nasendusche mit Salzwasser – wie sie auch in der Hatha Yoga Pradika empfohlen wird, reinigt grobstofflich als auch auf feinstofflicher Ebene die Nadis (feinstofflichen Energiekanäle, im Ayurveda Srotas genannt).

1. Früh aufstehen: Die Zeit vor Sonnenaufgang ist voller Harmonie und Energie, daher empfiehlt Ayurveda, frühmorgens vor Sonnenaufgang aufzustehen. Die Yogis nennen diese Zeit Brahmamurhurta: Der göttliche Augenblick vor Sonnenaufgang. Pitta gelingt dies in der Regel mühelos, Vata kann durch Schlafstörungen und Unruhe geschwächt am Morgen sein, Kapha hat druch schwere und träge Eigenschaften in der Regel grosse Probleme früh aus dem Bett zu kommen.

2. Das Trinken von zwei bis drei Gläsern lauwarmen Wassers unmittelbar nach dem Aufstehen aktiviert und reinigt die Körperkanäle (srotas), die vom nächtlichen Schlaf träge geworden sind

3. Allgemeine Reinigungsmassnahmen: Reinigung von Mund und Zähnen nach dem Absetzen von Stuhl und Urin

4. Abhyanga (Ganzkörper-Öl-Massage) beinhaltet einen wichtigen Aspekt der täglichen Routine. Ayurveda empfiehlt die Massage jeden Tag, das sie verjüngend wirkt und Müdigkeit vertreibt. Kapha sollte jedoch sparsam mit dem Einsatz von Öl umgehen, da es ja bereits (zu) viel ölige Eigenschaften in seiner Konstitution hat.

5. Nasya oder Jala-Neti – die nasale Applikation von Sesamöl oder warmen (Salz-)Wasser ist hilfreich zur Vermeidung und Behandlung von Problemen der Nasenhöhlen und Nasennebenhöhlen – gerade Kapha neigt zur Schleimbildung. Aber auch Vata erfreut sich durch das warme Wasser/Öl, da es oft zu viel kalte Eigenschaften hat.

6. Hatha Yoga: Ayurveda empfiehlt Atem- und Körperübungen entsprechend der Körperstärke und individuellen Konstitution. Vata übt besonders stärkende und erdende Haltungen und wärmemdes pranayama, Pitta Herzöffnung, Selbstliebe und sehr sanftes (!) pranayama; Kapha übt hingegen dynamisch und energetisierend, sowohl Körper- als auch Atemübungen.

7. Gandhusa: Das Einbehalten von Sesamöl („Ölziehen“) oder Ghee im Mund stärkt Kiefer und Stimme, nährt die Wangen, verbessert die Geschmackswahrnehmung und den Appetit, vermeidet Trockenheit im Mund, eingerissene Lippen, Karies, Zahnschmerzen, empfindliche Zähne und stärkt Zähne im Allgemeinen

8. Udvartana – Trockene Massage mit verschiedenen Pflanzenpulvern oder Kichererbsenmehl, um überschüssiges Öl von der Körperoberfläche zu entfernen. Sie verbessert zudem die Durchblutung der Haut, fördert Glanz und Farbe der Haut

9. Snana – Ein Bad oder Dusche wird zuletzt durchgeführt um den Körper zu reinigen. Nach den vorherigen Prozeduren ist die Verwendung von Seife nicht mehr nötig.

Dazu mache ich morgens eine energetisierende Yogapraxis mit zum Beispiel mehreren Sonnengrüssen und/oder aktivierendes pranayama wie Kapalabhati welches in Meditation mündet (wobei ich persönlich auf mein hohes Pitta achte und daher immer wieder Ruhepausen zur Regeneration und Reflexion einlege. Mein Geist wird klar und für anstehende Aufgaben gekräftigt, Blockaden lösen sich auf körperlicher und mentaler Ebene und die Sinne werden geöffnet und sensibilisiert. Zudem rege ich so mein Verdauungsfeuer (agni) an und die Ausscheidungen werden gefördert.

Ideal wäre dieses Programm vor Sonnenaufgang, eine wichtige Zeit auch in der Yogischen Lehre. Das Vata Dosha ist noch aktiv, der Körper ist leicht, beweglich und aktiv. Zudem ist viel prana in der Luft, um so auch die spirituelle Praxis zu vertiefen.

Weitere Ayurvedische Empfehlungen für Gesundheit und Wohlbefinden

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der ayurvedischen Gesundheitslehre ist das Nicht-Unterdrücken der natürlichen Körperdränge sowie das Unterlassen exzessiven Aktivitäten und Handlungen mit negativen Folgen. Auch hier gibt es grosse Parallelen im Ayurveda und Yoga. Letzterer erwähnt dies beispielsweise in den yamas (Yoga Sutra 2.30): Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Handeln im Bewusstsein des Brahma (der Allseele) und Anspruchslosigkeit.

Das Nicht-Unterdrücken der natürlichen Körperdränge wie Luftablassen, Niesen, Gähnen, Urinieren und Stuhlgang gehören zu den wichtigsten Regeln zur Vermeidung von Krankheiten und Disharmonien in Körper und Geist. Sie sind wichtige Reinigungsmassnahmen eines gesunden Organismus.

Was auf den ersten Blick trivial klingen mag, erweist sich im alltäglichen Leben oft schwierig, da es nicht gängigen Wertvorstellungen entspricht, bzw. oft die berufliche Situation Einschränkungen mit sich bringt. So zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt, die in Ihrer Schicht nicht auf die Toilette darf, der von Jet-Lag müde Geschäftsmann, der im Meeting nicht Gähnen darf, die feierwütige Teenagerin, die zu wenig Schlaf hat, da sie morgens früh aufstehen muss, usw.

Der Körper reagiert auf diese Zwänge jedoch sehr empfindlich und zeigt Symptome wie Immunschwäche, Stress, Erschöpfung und Energiemangel.

In meinen abendlichen Yogastunden, in denen die Entspannung, das Loslassen und die Hingabe im Vordergrund steht, beginnen oft sehr viele SchülerInnen heftig zu gähnen. Ein Zeichen, dass sie tagsüber Ihre Müdigkeit oft unterdrücken, dass sie „funktionieren“ müssen. Achtsamkeit auf ihre Körpersignale würde sie früher Pausen einlegen und mehr auf Wert auf einen ausgeglichenen Lebensstil legen lassen. Mir ist durchaus bewusst, dass dies in unserem durchgetakteten Alltag mit vielen beruflichen und privaten Verpflichtungen nicht immer möglich ist – doch laut Ayurveda ein ernstzunehmendes Problem darstellen kann.

– Durch das Unterdrücken von Luftablassen können Blähungen, Müdigkeit, Koliken, Aggressionen und Herzbeschwerden entstehen
– Durch das Unterdrücken des Stuhlgangs können Erkältung, Kopfschmerzen, Aufstossen, Verstopfungen und Bauchschwellungen entstehen
– Durch das Unterdrücken des Urins können Steifheit in der Leistengegend, Harnsteine, Nervosität und Schmerzen beim Urinablassen enstehen
– Durch das Unterdrücken von Niesen kann Migräne entstehen
– Durch das Unterdrücken von Durst können Schwäche, Schwere, Müdigkeit und Ohnmacht entstehen
– Durch das Unterdrücken des Hungers können Magersucht, Auszehrungen, Schwindel und Koliken entstehen
– Durch das Unterdrücken des Schlafs können Verdauungsstörungen, Schwindel, Gliederschmerzen und Kopfweh entstehen
– Durch das Unterdrücken von Husten können Schluckauf, Atemnot und Appetitverlust entstehen
– Durch das Unterdrücken von Gähnen können Gefühlslosigkeit, Muskelzittern, Konzentrationsschwäche und Kieferverspannung entstehen
– Durch das Unterdrücken von Tränen / Weinen können Herzbeschwerden, Schnupfen, Bindehautentzündung und Kopfschmerzen entstehen

Gelingt es, mit Hilfe der ayurvedischen Gesundheitsempfehlungen das tägliche Rotieren im sprichwörtlichen Hamsterrad im Alltag zu durchbrechen und wieder mehr Raum für die körperlichen und mentalen Bedürfnisse einzurichten, so können wir mit jedem Tag mehr Gesundheit, Vitalität und Lebensfreude gewinnen. In Kombination mit einer an die individuelle ayurvedische Konstitution angepasste Yogapraxis ein wertvoller Beitrag zu unserer körperlichen und geistigen Gesundheit. Meine Erfahrung zeigt: Es lohnt sich!

Über den Autor: Stefan Geisse ist Yoga- und Meditationslehrer, Ayurvedischer Berater für Psychologie, Ernährung und Lebensführung. Seit Stefan Ayurveda für sich entdeckt hat, konnte er immer mehr sein Leben nach seiner individuellen Konstitution ausrichten und hat auch seine Yogapraxis deutlich angepasst. Die Folge: Mehr geistige Ruhe, Ausgeglichenheit, weniger Stress, inneren Frieden und ein Wohlbefinden, das ihm Kraft und Ausdauer für seine Aufgaben schenkt. Stefan leitet Stress-Auszeiten in Klöstern und ist mehrere Wochen im Jahr auf Mallorca wo er Yogaferien am Meer anbietet. Mehr über Stefan

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