Asana bedeutet ursprünglich „Sitz“ und bezeichnet heute die Körperhaltungen im Yoga. Was eine richtige Haltung ausmacht, fasst Patanjali im Yoga Sutra II.46 in drei Worten zusammen: Sthira sukham asanam. Die Haltung soll stabil (sthira) und zugleich leicht und angenehm (sukha) sein. Nicht verbissen, nicht schlaff, sondern beides zugleich. Wie du das in deiner Yogapraxis umsetzt und warum Ehrgeiz dabei eher im Weg steht, erkläre ich in diesem Artikel.
In meinen Retreats und Yogaklassen beobachte ich immer wieder, wie engagiert Teilnehmende die Körperübungen ausführen. Gerade die feurigen Pitta-Konstitutionen aus dem Ayurveda, mit ihren Eigenschaften scharf, heiss und durchdringend, wollen die Übungen so „richtig“ und „perfekt“ machen, dass sie schnell über ihre Grenzen gehen. Die Haltungen werden verkrampft und mit zu viel Ehrgeiz eingenommen. Wie unterschiedlich Vata, Pitta und Kapha üben und was jeweils hilft, liest du im Artikel Ayurveda-Yoga nach der Konstitution.
Doch geht es im Yoga nicht gerade um das Gegenteil? Wollen wir nicht zur Ruhe kommen und zu unserer Mitte finden?

Sthira sukham asanam: Bedeutung
Die Essenz der körperlichen Yogapraxis steckt für mich in diesen drei Wörtern. Patanjali hat in seinem Yoga Sutra die philosophische Grundlage des klassischen Yoga gelegt (zur Einordnung: Yoga-Sutras des Patanjali bei Britannica). Datiert wird der Text je nach Quelle zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 5. Jahrhundert nach Christus. Das Sutra II.46 zeigt, wie präzise und tiefgründig dieser Text ist.
- Sthira: stabil, fest
- Sukha: angenehm, leicht. R. Sriram übersetzt „das Wohlgefühl fördernd“, Eckard Wolz-Gottwald „glücklich“, Ralph Skuban „fröhlich“.
- Asana: Sitz, Haltung

Was bedeutet Asana?
Wenn Patanjali von Asana spricht, meint er einen Teil des achtgliedrigen Yogaweges (Yoga Sutra II.29). Heute stehen die Körperübungen bei vielen so sehr im Vordergrund, dass Yoga oft mit Gymnastik verwechselt wird.
Der Begriff hat im Lauf der Jahrhunderte einen grossen Wandel erlebt. Zu Patanjalis Zeit bedeutete Asana „Sitz“, genau der Sitz, auf dem sich der Yogi zur Meditation niederlässt, um das Ziel des Yoga zu erreichen: Kaivalya, die innere Freiheit.
Ein Sitz, der glücklich ist?
Dass ein Sitz stabil sein soll, leuchtet ein. Aber glücklich? Patanjali vollzieht einen ersten Bedeutungswandel: vom „Sitz“, auf dem man sitzt, zur „Sitzhaltung“, mit der man sitzt. Eine Sitzhaltung kann sehr wohl stabil und zugleich wohltuend sein.
Später zählt Vyasa in seinem Kommentar zum Yoga Sutra schon verschiedene Sitzhaltungen auf, etwa den Lotussitz (Padmasana) oder den Heldensitz (Virasana). Die vielen Körperhaltungen, die wir heute kennen, wurden erst von den Hatha-Yogis im Mittelalter als Asana bezeichnet. Patanjalis Yoga Sutra blieb aber eine wichtige Quelle. Swami Svatmarama schreibt in der Hatha Yoga Pradipika ausdrücklich, er lehre den Hatha Yoga „bloss zum Zweck der Erreichung des Raja-Yoga“ (HYP I.2).
Ein scheinbarer Widerspruch: stabil und leicht
Das Sutra verbindet zwei Prinzipien, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Kann man lange fest sitzen und das als angenehm empfinden? Und führt angenehmes Sitzen nicht zum Verlust von Stabilität?
Wer mit Yoga beginnt, kennt die Anstrengung, die eingeschlafenen Beine, manchmal Schmerzen. Langes, bewegungsloses Sitzen ist am Anfang mühsam. Von Glückseligkeit keine Spur.

Yoga ist ein beharrlicher Übungsweg
Wichtig ist: Wir üben Yoga, so gut es geht. Sthira sukham beschreibt nicht den Anfang der Übung, sondern das Ideal, auf das sie hinführt. Je länger wir praktizieren, Patanjali nennt es beharrliches Üben, desto mehr wachsen Beweglichkeit und Kraft, und desto näher kommen wir dem Ideal. Erst wenn man lange sitzen kann und dabei weich bleibt, ist sthira sukham erreicht.

Was bedeutet sthira sukham für die Körperhaltungen im Yoga?
Viele meiner Yogaschülerinnen und -schüler tun sich schwer mit der Meditation im Sitzen. Weil sie die Anstrengung scheuen, und weil Yoga oft mit Gymnastik gleichgesetzt wird. Viele kommen zu mir wegen körperlicher Beschwerden („mein Arzt hat gesagt, ich soll mal Yoga machen“) oder weil sie Stresssymptome wie Unruhe, Schlafprobleme oder Gereiztheit ausgleichen wollen. Weniger, um spirituell zu wachsen.
Ich begrüsse das ausdrücklich. Meine Erfahrung zeigt, dass gerade der Körper, verbunden mit bewusster Atemführung, ein guter Zugang zu einem tieferen Verständnis des Yoga ist. Würde ich dem gestressten Manager gleich mit dem „Höchsten Selbst“ kommen, hätte ich ihn schneller verloren als mir lieb ist.
„Authentisch, viele Beispiele aus dem eigenen Leben.“
Sandra, Teilnehmerin einer Auszeit mit Stefan Geisse
Kämpfer und Aufgeber auf der Matte
Deshalb übe ich sthira sukham nicht nur im Sitzen, sondern auch in den statischen und dynamischen Körperübungen mit gezielter Atemführung. Dabei zeigt sich schnell ein Muster:
- Zu viel sthira: Vor allem Männer, die meist mehr Muskelkraft haben, und Pitta-Typen überbetonen die Festigkeit. Die Muskeln sind angespannt, der Körper zittert, der Atem stockt. Kein sukham weit und breit. Yoga als Kampf.
- Zu viel sukha: Die schweren Kapha-Konstitutionen mit viel Erde und Wasser scheuen die Anstrengung und gehen nach wenigen Atemzügen in Balasana, die Stellung des Kindes. Yoga als Kuschelprogramm.
- Zu wenig Fokus: Vata, das Prinzip von Luft und Äther, lässt sich in den Übungen schnell ablenken.
Anfänger finden das richtige Mass selten. Sobald es fordernder wird, überbetonen sie die Eigenschaft, die sie auch sonst im Leben prägt: Kämpfer oder schneller Aufgeber. So zeigen sich in den Übungen oft tiefe Glaubenssätze. „Sei stark!“ oder „Ich kann das nicht!“ spiegeln sich direkt in der Körperhaltung.
Schon die Hatha Yoga Pradipika (I.15) nennt übermässige Anstrengung als eines von sechs Hindernissen auf dem Yogaweg, neben zu viel Essen, Geschwätzigkeit, übertriebener Askese, zu viel Gesellschaft und einem unsteten Geist.

Die Sutras II.47 und II.48: wie die richtige Haltung entsteht
Wer verstehen will, was Patanjali mit sthira sukham asanam meint, muss die beiden folgenden Sutras dazunehmen.
Eine Asana zu üben, bedeutet zunächst Anstrengung. Yoga ist für mich keine Entspannungstechnik, auch wenn Entspannung eine angenehme Nebenwirkung ist. Wir üben, bis wir uns dem Ideal annähern, im Wissen, dass wir es wohl nie ganz erreichen. Das braucht Vorübungen, Dehnen, Kraftaufbau, Konzentration und Koordination. Eine sinnvolle Übungsreihe zur Vorbereitung der Meditation beschreibe ich in einem eigenen Artikel.
Zugleich braucht es Akzeptanz der eigenen Grenzen: Ishvara Pranidhana, hingebungsvolles Handeln, ohne das Ergebnis in den Vordergrund zu stellen. T.K.V. Desikachar übersetzt es mit Demut (Yoga Sutra II.1).

Anklopfen an eine innere Tür
Laut Patanjali (II.47) wird die Anstrengung geringer, wenn sich der Geist auf die innere Unendlichkeit ausrichtet. R. Sriram übersetzt: „Eine immer leichter werdende und intensive Bemühung sowie die tiefgründige Sammlung auf das Grenzenlose helfen uns, diese Haltung zu erreichen.“
In der Praxis heisst das: Wer sehr beweglich ist, braucht länger, um an seine Grenze zu kommen. Wer mit körperlichen Einschränkungen übt, so wie ich, ist schneller dort. An dieser Grenze geschieht die Übung wie ein Anklopfen an eine innere Tür. Wer nur mit Ehrgeiz und Kraft übt, macht Gymnastik. Wer zu früh aufgibt, kommt nicht an diesen Punkt.
Wichtig ist, den Widerstand in der Übung zu spüren und sich gerade dort auf das Grenzenlose auszurichten, ganz bewusst mit dem Atem. Desikachar erinnert daran, dass Ananta, „ohne Ende“, auch für den unentwegt fliessenden Atem steht. In diesem inneren Loslassen wird jede Körperhaltung zur Meditation, wie Wolz-Gottwald schreibt. Aus Gymnastik wird Yoga.

Asana als Lebenshaltung
Letztlich ist Asana eine Lebenshaltung. Wenn wir Asana bewusst üben, nehmen wir sie mit von der Matte in den Alltag. Wir ruhen dann nicht nur auf dem Sitzkissen oder in Haltungen wie dem Krieger oder dem Tänzer (Natarajasana), sondern in uns selbst. Getragen von innerer Stabilität lösen sich die Gegensätze auf, wie wir sie in sthira und sukha finden. Nicht entweder Stabilität oder Glück. Nicht entweder Erfolg oder Scheitern. Sondern Sein.
„Die eigentliche Yogapraxis beginnt allerdings erst jetzt: die Balance von sthira und sukham nicht nur auf der Matte, sondern auch im Alltag zu praktizieren.“
Jasmin, Teilnehmerin einer Auszeit mit Stefan Geisse
Das Sutra II.48 beschreibt die Folge: „Dadurch entsteht Widerstandsfähigkeit gegenüber der Wirkung von extremen Einflüssen“ (R. Sriram). Desikachar übersetzt: Wer Asana richtig übt, wird auch durch extreme Einflüsse nicht aus dem Gleichgewicht gebracht.
Durch beharrliches Üben verringern sich laut Patanjali auch die Auswirkungen der Kleshas, der Trübungen des Geistes wie falsches Verstehen. Desikachar sagt dazu: „Unstimmigkeiten in unserem Geist finden oftmals körperliche Ausdrucksformen.“ Wer Körperübungen auf die richtige Weise übt, kann diesen Ausdrucksformen auf der körperlichen Ebene begegnen.

Weniger ist mehr
Diesen Gedanken habe ich auch in einer Rückmeldung nach einer Auszeit wiedergefunden. Gefragt nach drei Worten für das Wochenende, schrieb jemand: „Weniger ist manchmal mehr, grosser Lerneffekt, entspannte und wohltuende Zeit.“
Drei kurze Sutras reichen, um die Körperhaltungen im Yoga zu verstehen und sinnvoll zu üben. Mein Rat: Pitta-Typen, lasst los und gönnt euch mehr Leichtigkeit. Kapha-Typen, raus und schwitzen! Und alle: Gestattet euch Freude an der Übung.
Wichtig für alle: Übe deinen Möglichkeiten angepasst. Bei Schmerzen, nach Verletzungen oder bei Erkrankungen sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt und sag es der Yogalehrerin oder dem Yogalehrer.
Yoga mit Stefan Geisse

Ich unterrichte Yoga in der Tradition von Sri T. Krishnamacharya und seinen langjährigen Schülern T.K.V. Desikachar und A.G. Mohan. Im Mittelpunkt stehen der Atem und das Yoga Sutra II.1: Die Praxis vereint Klärung (Tapas), Selbstreflexion (Svadhyaya) und Hingabe, also die Akzeptanz der eigenen Grenzen (Ishvara Pranidhana). Geprägt haben mich unter anderem Remo Rittiner, Prof. Dr. Martin Mittwede, Dr. Eckard Wolz-Gottwald, Prof. Dr. S. N. Gupta, Dr. Vaidya Ram Manohar und Guido von Arx.
Heute leite ich das Auszeit-Wochenende beim Kloster Engelberg, das Yogaretreat über Ostern im Kiental und das Retreat auf der Schweibenalp. Wer sthira sukham einmal unter Anleitung üben möchte, findet alle Termine bei den Yoga Retreats.
Weiterführende Literatur zu Patanjali
- Eckard Wolz-Gottwald: Die Yoga-Sutras im Alltag leben, Via Nova, 2014
- Ronald Steiner, Anna Trökes: Yoga für Fortgeschrittene, GU, 2013
- R. Sriram: Patanjali. Das Yogasutra. Von der Erkenntnis zur Befreiung, Theseus, 2003
- Ralph Skuban: Patanjalis Yogasutra. Der Königsweg zu einem weisen Leben, Arkana, 2011
- T.K.V. Desikachar: Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des Patanjali, Via Nova, 2009
- Swami Svatmarama: Hatha Yoga Pradipika. Die Leuchte des Hatha Yoga, Phänomen, 2009
Herzlichen Dank an die Yoginis Andrina Tisi und Sabine Utz für die Fotos.
Weiterlesen: Meditation lernen und Vipassana-Meditation.



