Die Organuhr ist ein Modell der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie teilt den Tag in zwölf Abschnitte von je zwei Stunden und ordnet jedem Abschnitt ein Organ mit seinem Meridian zu, in dem die Lebensenergie Qi dann besonders stark fliessen soll: zum Beispiel die Leber von 1 bis 3 Uhr und die Lunge von 3 bis 5 Uhr. Wer immer zur selben Zeit nachts aufwacht, findet in der Organuhr eine mögliche Deutung, auch für die Psyche, denn die TCM ordnet jedem Organ eine Emotion zu. Wissenschaftlich belegt ist die Organuhr in dieser Form nicht. Gut erforscht ist dagegen, dass unser Körper eine innere Uhr hat, die Schlaf, Hormone und Organfunktionen im 24-Stunden-Rhythmus steuert. Dieser Artikel stellt beides nebeneinander: was die TCM lehrt und was die Forschung zur inneren Uhr zeigt.
Wer permanent müde, erschöpft und matt ist und sich am Limit fühlt, lebt aus Sicht der TCM womöglich gegen den eigenen Rhythmus. Dann kämpft man lange gegen die eigenen Energieströme und setzt die Organe gerade dann zusätzlichem Stress aus, wenn sie laut dieser Lehre mit der Energieaufnahme beschäftigt sind. Der Blick auf die Organuhr kann helfen, den eigenen Tagesrhythmus bewusster zu gestalten.
Hinweis: Die Organuhr ist eine Lehre und kein medizinisches Diagnoseverfahren. Wenn du regelmässig nachts aufwachst und dazu Beschwerden wie Husten, Atemnot, Schmerzen, Herzklopfen oder anhaltende Niedergeschlagenheit hast, lass das ärztlich abklären. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Der Mensch ist Teil der Natur
Viel stärker als die westliche Medizin sieht die TCM den Menschen als Teil der Natur, ähnlich wie der Ayurveda. Erde, Himmelsrichtungen, Licht: Der Mensch ist mit allem verbunden und wird davon beeinflusst. Ändern sich Jahreszeiten, Temperaturen und Wetter, wirkt sich das auf den Organismus aus. Der Tag macht aktiv, die Nacht müde.
Fakten zur inneren Uhr
Dass Tageszeit und Licht den Körper beeinflussen, zeigen auch Studien aus der Chronobiologie, der Wissenschaft von den biologischen Rhythmen:
- Licht: Nach der Umstellung auf die Sommerzeit suchen mehr Menschen wegen kleinerer medizinischer Probleme die Notfallstation auf. Patientinnen und Patienten im Spital schlafen besser, wenn sie näher am Fenster liegen und mehr Tageslicht abbekommen.
- Impfung: Impfungen wirken je nach Tageszeit unterschiedlich gut. Wer in der Nacht nach der Impfung nicht schläft, bildet in Studien deutlich weniger Abwehrstoffe.
- Medikamente: Bei vielen Medikamenten hängen Wirkung und Nebenwirkungen von der Uhrzeit der Einnahme ab, etwa bei der Behandlung von Bluthochdruck, Asthma, Arthritis oder Krebs.
- Schichtarbeit: Nachtschichten bringen die innere Uhr durcheinander. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft Nachtschichtarbeit als wahrscheinlich krebserregend ein. Langjährige Schichtarbeit wird zudem mit Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes in Verbindung gebracht.
- Jetlag: Nach einem Flug über mehrere Zeitzonen passt die innere Uhr nicht mehr zur äusseren und muss sich anpassen. Das geschieht vor allem über das Tageslicht, das ins Auge fällt. Es lohnt sich also, nach draussen zu gehen.
- Essen: Wer unregelmässig oder mitten in der Nacht isst, kann die Uhren in den Organen verstellen, sie laufen dann nicht mehr im Takt mit der Hauptuhr im Gehirn.
- Wundheilung: In Laborstudien heilten Wunden, die tagsüber entstanden, schneller als nächtliche Verletzungen.
Quellen: unter anderem Molekulares Krebsforschungszentrum der Charité Berlin, Universitätsklinikum Tübingen, Molekularbiologie der Universität Genf
Blut und Qi als Essenz des Lebens
Laut der Chinesischen Medizin hängt unsere Lebensenergie vor allem von zwei Quellen ab: dem Blut und dem Qi („Energie, Atem, Fluidum“). Hier ähneln sich die asiatischen Lehren: Im Yoga spricht man von Prana, im Ayurveda von Ojas, der Energie, die uns am Leben hält und die es zu schonen und aufzubauen gilt.
Alle zwei Stunden ein anderes Organ
Nach der Lehre der TCM zirkulieren Blut und Qi ständig im ganzen Körper. Alle zwei Stunden wenden sie sich aber einem Organ besonders zu. In diesen zwei Stunden arbeitet das Organ demnach so intensiv an der Energieaufnahme, dass eine zusätzliche starke Belastung zu dieser Zeit ihm auf Dauer schaden soll. Diese Zuordnung beruht auf jahrhundertealter Erfahrung und Beobachtung, sie ist aber wissenschaftlich nicht überprüft.
Die Organuhr zeigt, welches Organ im Fokus steht
Aus diesem Gedanken entstand die innere Organuhr. Aus ihr lässt sich ableiten, welche Tätigkeiten zu welcher Zeit für den Körper günstig sind und welche eher nicht. Dabei geht es in der TCM weniger um Behandlung als um Vorbeugung, vergleichbar mit der biologischen Uhr, wie sie die westliche Wissenschaft beschreibt. Anders gesagt: Wer die Organuhr kennt, weiss, wie er laut TCM leben sollte.
| Uhrzeit | Organ und Meridian nach TCM |
|---|---|
| 1 bis 3 Uhr | Leber |
| 3 bis 5 Uhr | Lunge |
| 5 bis 7 Uhr | Dickdarm |
| 7 bis 9 Uhr | Magen |
| 9 bis 11 Uhr | Milz und Bauchspeicheldrüse |
| 11 bis 13 Uhr | Herz |
| 13 bis 15 Uhr | Dünndarm |
| 15 bis 17 Uhr | Blase |
| 17 bis 19 Uhr | Niere |
| 19 bis 21 Uhr | Kreislauf (Herzbeutel, Perikard) |
| 21 bis 23 Uhr | Dreifacher Erwärmer |
| 23 bis 1 Uhr | Gallenblase |

Beispiele für die innere Organuhr
Laut TCM sollten Langschläfer mit Verdauungsproblemen ihre Gewohnheiten ändern: vor 7 Uhr aufstehen, ein Glas Wasser trinken und spüren, wie der Dickdarm in seiner Zeit arbeitet. Beim Abendessen, das leicht sein sollte, rät die TCM von schweren Diskussionen ab, sonst findet man schlecht in den Schlaf.
Über Mittag, von 11 bis 13 Uhr, ist nach der Organuhr das Herz an der Reihe. Die TCM empfiehlt deshalb, um diese Zeit keine grossen Anstrengungen zu unternehmen und lieber ruhig zu essen, ideal mit einer kurzen Mittagsruhe danach. Das Herz steuert nach dieser Lehre auch die geistigen Tätigkeiten wie Inspiration und Konzentration. Die Wissenschaft sieht in einem Lauf über Mittag allerdings kein Problem für gesunde Menschen: Regelmässige Bewegung ist zu jeder Tageszeit gut für Herz und Kopf.
Wenn ich nachts nicht schlafen kann: mögliche Störungen in den Meridianen
In der chinesischen Medizin geht man davon aus, dass Leitbahnen den ganzen Körper durchziehen. Diese Meridiane gelten als eigenständige Kanäle, unabhängig von Blutbahnen und Nerven.
In ihnen fliesst laut TCM die Lebenskraft Qi, die Energie und Nährstoffe zu den Organen bringt. Wenn die chinesische Medizin von der „Lunge“ oder dem „Magen“ spricht, meint sie deshalb nicht nur das Organ, sondern auch den zugehörigen Meridian. Es gibt zwölf Meridiane, die nach einem Organ benannt sind, und acht Sondermeridiane.
Krank werden kann der Mensch nach dieser Lehre, wenn der Energiefluss über lange Zeit gestört ist. Vielleicht ist in einem Organ zu wenig Lebensenergie vorhanden (Qi-Mangel), oder das Qi ist blockiert und kann nicht mehr frei fliessen (Qi-Stagnation). Es kann auch in die falsche Richtung fliessen: So deutet die TCM Übelkeit in der Schwangerschaft als „gegenläufiges Magen-Qi“.
Ein gesunder Körper gleicht kurzfristige Störungen laut TCM aus, weil sich die Organe gegenseitig unterstützen. Erst wenn ein Ungleichgewicht lange anhält, kann es zu Beschwerden kommen.
Die folgenden Zuordnungen stammen aus der TCM. Sie sind keine Diagnose. Hinter Beschwerden wie Kopfschmerzen, Atemnot oder Bluthochdruck können viele Ursachen stecken, sie gehören ärztlich abgeklärt.
Einschlafprobleme zwischen 21 und 23 Uhr: Dreifacher Erwärmer, auch Schilddrüsen-Meridian genannt
Der Dreifache Erwärmer hat laut TCM die Aufgabe, Atmung, Nahrung und Flüssigkeit zu verteilen und die Körpertemperatur zu regulieren. Er besteht aus drei Teilen: Brustraum, Bauchraum und Beckenraum. In manchen deutschsprachigen Darstellungen wird er auch Schilddrüsen-Meridian genannt, weil er mit Wärme und Stoffwechsel zu tun hat. Mit der Schilddrüse als Organ ist er nicht gleichzusetzen: Ob die Schilddrüse richtig arbeitet, zeigt nur eine Blutuntersuchung.
Dem Dreifachen Erwärmer wird die Freude zugeordnet. Bei einem Ungleichgewicht nennt die TCM unter anderem Anfälligkeit für Infekte und Erkältungen, wenig Lust und Rückenbeschwerden.
Schlafprobleme zwischen 23 und 1 Uhr: Gallenblase
Die Gallenblase speichert Gallensaft und gibt ihn zur Verdauung ab. In der TCM gilt der Gallenblasen-Meridian als sehr kraftvoll. Bei einem Ungleichgewicht beschreibt die TCM Unentschlossenheit, Reizbarkeit, Wetterfühligkeit, „herumziehende“ Beschwerden, Kopfschmerzen und Verspannungen.
Aufwachen zwischen 1 und 3 Uhr: Leber
Die Leber entgiftet den Körper, bildet Gallensaft und hält Blutgerinnung, Hormone und Enzyme im Gleichgewicht. Dem Leber-Meridian ordnet die TCM die Emotion Wut zu (im Volksmund: „Da ist mir eine Laus über die Leber gelaufen“). Bei einem Ungleichgewicht nennt sie Stress, ein aufbrausendes Temperament und starke Gefühle wie Zorn, Groll oder Eifersucht.
Durchschlafprobleme zwischen 3 und 5 Uhr: Lunge
Der Lungen-Meridian verarbeitet laut TCM die Atmung, mobilisiert die Abwehrkräfte und schützt Haut und Körper vor Trockenheit, Wind oder Hitze. Nächtliches Erwachen zwischen 3 und 5 Uhr deutet die TCM als Zeichen, dass der Lungen-Meridian gestört sein könnte.
Dem Lungen-Meridian wird die Trauer zugeordnet. Bei einem Ungleichgewicht beschreibt die TCM Themen der Atmung, der Haut und eine gedrückte, melancholische Stimmung.
Frühes Aufwachen zwischen 5 und 7 Uhr: Dickdarm
Der Dickdarm-Meridian hat laut TCM die Aufgabe, auszuscheiden und loszulassen. Bei einem Ungleichgewicht nennt sie Verdauungsprobleme wie Verstopfung und Blähungen, aber auch das Festhalten am Alten.
Aufwachen um 3 Uhr: was dahinterstecken kann
Die Frage, warum man immer um 3 oder 4 Uhr aufwacht, beschäftigt viele Menschen. Die verschiedenen Lehren geben unterschiedliche Antworten:
- TCM: Zwischen 1 und 3 Uhr ist die Leber an der Reihe, der die Wut zugeordnet ist, zwischen 3 und 5 Uhr die Lunge mit der Trauer.
- Ayurveda: Von 2 bis 6 Uhr herrscht das Prinzip Vata, das für Bewegung und Unruhe steht. Ist Vata erhöht, etwa durch Stress, wacht man in dieser Zeit leichter auf.
- Schlafforschung: In der zweiten Nachthälfte ist der Tiefschlaf grösstenteils vorbei, der Schlaf wird leichter, und es gibt mehr Traumschlaf. Kurze Wachphasen sind dann völlig normal, die meisten merken sie gar nicht. Gleichzeitig beginnt in den frühen Morgenstunden der Spiegel des Stresshormons Cortisol zu steigen. Wer gestresst ist oder grübelt, wird in dieser Phase leichter richtig wach und findet schwerer zurück in den Schlaf.
Weitere häufige Gründe für nächtliches Erwachen sind Alkohol am Abend, Koffein am Nachmittag, Harndrang, Schmerzen, Sodbrennen, Hitzewallungen in den Wechseljahren, Schnarchen mit Atemaussetzern und manche Medikamente. Frühes Erwachen mit Grübeln und gedrückter Stimmung kann auch ein Zeichen einer Depression sein.
Entwarnung gibt es für alle, die um 4 Uhr wach liegen und fürchten, mit ihrer Lunge sei etwas nicht in Ordnung. Das Aufwachen zur immer gleichen Zeit kann auch eine eingeübte Gewohnheit sein. Hellhörig werden solltest du, wenn weitere Beschwerden dazukommen, zum Beispiel chronischer Husten, Atemnot oder Allergien, die du bei Schlafstörungen zwischen 3 und 5 Uhr besonders spürst. Dann ist der Weg zur Ärztin oder zum Arzt der richtige. Das gilt auch, wenn du über mehrere Wochen dreimal pro Woche oder öfter schlecht schläfst und dich tagsüber erschöpft fühlst.
Was hilft, wenn du um 3 Uhr wach liegst
- Nicht auf die Uhr und nicht aufs Handy schauen, das Licht gedämpft lassen.
- Ruhig und langsam atmen, die Ausatmung etwas länger als die Einatmung.
- Liegst du länger als etwa 20 Minuten wach, kurz aufstehen und etwas Ruhiges tun, bis du wieder müde wirst.
- Sorgen schon am frühen Abend aufschreiben, damit sie nachts weniger Raum bekommen.
- Jeden Morgen etwa zur selben Zeit aufstehen und früh ans Tageslicht gehen.
Organuhr und Psyche: welche Emotionen die TCM den Organen zuordnet
Viele suchen in der Organuhr eine Erklärung für ihre seelische Verfassung. Nach der TCM steuern die Organe auch unsere Gefühle, und umgekehrt wirken starke Gefühle auf die Organe zurück. Die TCM ordnet die Emotionen über die fünf Elemente jeweils einem Organpaar zu:
| Emotion | Organe nach TCM | Zeit auf der Organuhr |
|---|---|---|
| Wut, Ärger | Leber, Gallenblase | 23 bis 3 Uhr |
| Trauer | Lunge, Dickdarm | 3 bis 7 Uhr |
| Grübeln, Sorgen | Milz, Magen | 7 bis 11 Uhr |
| Freude | Herz, Dünndarm | 11 bis 15 Uhr |
| Angst | Niere, Blase | 15 bis 19 Uhr |
Nach dieser Lehre gilt es, die Organe zu schonen und Harmonie anzustreben, denn extreme Gefühle wirken sich laut TCM negativ aus:
Übermässige Freude
Übermässige Freude schlägt laut TCM aufs Herz. Es ist für Blut und Blutgefässe und alle menschlichen Aktivitäten verantwortlich. Über einen Meridian ist es mit der Zunge verbunden, an der die TCM den Zustand des Herzens abliest.
Ärger
Ärger greift nach der TCM die Leber an. Sie reinigt das Blut, ist für die Sehnen zuständig und über einen Meridian mit den Augen verbunden.
Grübeln
Grübeln schadet laut TCM der Milz. Sie verwandelt Nahrung in Energie, filtert das Blut und ist für die Muskeln zuständig. An den Lippen zeigt sich, wie es um sie steht.
Traurigkeit
Traurigkeit ist nach der TCM schlecht für die Lunge. Sie steuert die Atmung und ist für Haut und Haare zuständig. Ihr Befinden zeigt sich an der Nase.
Angst
Angst schwächt laut TCM die Niere. Sie speichert wichtige Essenzen, ist für Entwicklung, Fortpflanzung und Knochen zuständig. Ihr Zustand zeigt sich an den Ohren.
Was die Forschung zu Psyche und innerer Uhr sagt
Die Zuordnung einzelner Gefühle zu Organen und Uhrzeiten ist wissenschaftlich nicht belegt. Gut belegt ist aber, dass Schlaf, innere Uhr und Psyche eng zusammenhängen. Wer zu wenig oder zu unregelmässig schläft, reagiert gereizter und empfindlicher auf Belastungen. Anhaltender Stress und Grübeln halten das Nervensystem nachts in Alarmbereitschaft. Und bei vielen psychischen Erkrankungen, besonders bei Depressionen, ist der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört. Frühes Erwachen in den Morgenstunden ist dabei ein typisches Zeichen.
Die Organuhr kann deshalb ein Anstoss sein, genauer hinzuschauen: Was beschäftigt mich, wenn ich nachts wach liege? Wenn du über Wochen nachts mit Ängsten, Traurigkeit oder kreisenden Gedanken wach liegst, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Unterstützung bieten auch Pro Mente Sana (promentesana.ch) und wie-gehts-dir.ch. In einer akuten Krise erreichst du Die Dargebotene Hand rund um die Uhr unter Telefon 143, im Notfall wählst du 144.
Erholsamer Schlaf ist lebensnotwendig
In der TCM gilt die Nacht als heilig. Sie dient der Regeneration wichtiger Organe wie Gallenblase, Leber und Lunge. Dafür braucht es grösstmögliche Entspannung, also Tiefschlaf. Wer zwischen 21 und 22 Uhr entspannt ins Bett geht, schafft dafür laut TCM die besten Voraussetzungen.
Natürlich lässt sich diese Lehre nicht immer eins zu eins umsetzen. Jeder Mensch hat einen anderen Rhythmus, es gibt Sommer- und Winterzeit und Einflüsse, die wir nicht steuern können. Es scheint aber wichtig, die Grundzüge einzuhalten. Viele spüren recht schnell, wie sich ihre körperliche und geistige Energie verändert. Wie gut ein regelmässiger Rhythmus tut, merken viele besonders in einer Auszeit vom Alltag, wenn Aufstehen, Essen, Üben und Schlafen ein paar Tage lang einem ruhigen Takt folgen.
Ein Wort taucht in den Rückmeldungen nach meinen Auszeiten auffällig oft auf: Morgenritual. Teilnehmende schreiben, dass sie ihre tägliche Morgenroutine ändern wollen, dass am Morgen mehr Struktur reindarf oder dass sie wieder mit Yoga und Meditation in den Tag starten möchten. Das passt zu dem, was auch die Chronobiologie empfiehlt: jeden Tag etwa zur gleichen Zeit aufstehen und früh ans Licht gehen. Beim Wochenende in Engelberg beginnt jeder Morgen um 7 Uhr mit Yoga, Atem und Meditation.
„Morgenritual und Organisation, innere Ruhe und Gelassenheit.“
Aus einer Teilnehmerbefragung nach einer Auszeit mit Stefan Geisse
Innere Uhr im Ayurveda
Auch der Ayurveda kennt eine innere Uhr, die Dosha-Uhr. Er geht dabei vom einzelnen Menschen aus: Je nach Konstitution reagiert jemand stärker auf bestimmte Tageszeiten. Menschen mit viel Luft und Raum in ihrer Konstitution (Vata) gelten als besonders anfällig für Stress. Ihre Zeit ist nachts von 2 bis 6 Uhr und nachmittags von 14 bis 18 Uhr. Wer oft in dieser Zeit aufwacht und wach liegt, hat aus ayurvedischer Sicht zu viel Vata im System: zu viel Leichtigkeit, Trockenheit und Bewegung. Pitta, das Feuer, zeigt sich eher in Einschlafproblemen, Kapha, Erde und Wasser, in Schwere und Trägheit. Wie du deinen Tag nach der Dosha-Uhr gestalten kannst, beschreibt der Artikel über die ayurvedische Tagesroutine.

Die innere Uhr in der Schulmedizin
Wie die Forschung der inneren Uhr auf die Spur kam, zeigt eine Geschichte aus Genf. Ein Forscher hatte in der Leber von Ratten das Protein DBP entdeckt, das Kontrollfunktionen im Organismus übernimmt. Sein Nachfolger setzte die Arbeit fort, konnte das Protein aber nicht finden, obwohl er täglich Proben nahm.
Ueli Schibler, Professor für Molekularbiologie an der Universität Genf, ging der Sache nach. Der Unterschied: Der erste Forscher kam erst nachmittags ins Labor und arbeitete bis spät, sein Nachfolger kam jeden Morgen früh.
Die Entdeckung war ein Durchbruch. Die Konzentration von DBP schwankt im Tagesverlauf stark. Am Morgen ist es nicht nachweisbar, nachmittags steigt der Wert an und erreicht gegen 20 Uhr mehr als das Hundertfache der kleinsten messbaren Konzentration. Es folgt also einem 24-Stunden-Rhythmus.
Es gibt mehrere 24-Stunden-Zyklen
Neben dem bekannten Schlaf-Wach-Rhythmus gibt es weitere Zyklen von ungefähr 24 Stunden, gesteuert von einer Reihe sogenannter Uhrengene.
Zum Beispiel sinkt der Spiegel des Stresshormons Cortisol am Abend und in der ersten Nachthälfte ab und steigt am frühen Morgen stark an (Stress erkennen). Auch der Blutdruck steigt frühmorgens an, und Herzinfarkte und Hirnschläge treten in den Morgenstunden gehäuft auf. Die Leber baut Giftstoffe und Medikamente nicht zu jeder Tageszeit gleich gut ab. Die Nieren bilden nachts weniger Urin, damit wir durchschlafen können. Asthma-Beschwerden verstärken sich dagegen oft nachts. Und bei vielen Menschen mit schweren Lebererkrankungen ist der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört.

Unsere innere Uhr ist kein Mythos
Das erste Gen, das die innere Uhr steuert, wurde in den 1980er-Jahren bei Fruchtfliegen entschlüsselt. Die Chronobiologen Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young erhielten dafür 2017 den Nobelpreis für Medizin zur inneren Uhr.
Heute weiss die Medizin: Unsere Hauptuhr sitzt im suprachiasmatischen Kern, einem Teil des Hypothalamus im Zwischenhirn. Von dort aus wird der innere Rhythmus gesteuert, über die Körpertemperatur, Signale an das Nervensystem, Hormone und andere Botenstoffe. Der innere Tag dauert im Schnitt etwa 24,2 Stunden. Synchronisiert wird die Uhr durch das Tageslicht, das ins Auge fällt.
Wir haben viele innere Uhren
Neben der Hauptuhr im Gehirn gibt es auch periphere innere Uhren in den Körperzellen. Sie werden von der Hauptuhr synchronisiert, ticken aber auch selbstständig. Deshalb kann zum Beispiel die Leber in ihrem Rhythmus weiterarbeiten, selbst wenn die Hauptuhr gestört ist. In diesem Sinn hat die Forschung tatsächlich so etwas wie Organuhren gefunden, nur folgen sie nicht dem Zwei-Stunden-Schema der TCM.
Regelmässige Mahlzeiten sind wichtig
Im Labor verschob sich die innere Uhr von Leber, Nieren, Herz und Bauchspeicheldrüse bei Mäusen um zwölf Stunden, wenn die nachtaktiven Tiere regelmässig tagsüber gefüttert wurden. Für die peripheren Uhren scheint die Nahrungsaufnahme also ein wichtiger Taktgeber zu sein.
Wer unregelmässig oder mitten in der Nacht isst, kann seine inneren Uhren durcheinanderbringen. Das passt zu einer alten Empfehlung des Ayurveda, regelmässig und nicht spät in der Nacht zu essen. Laut Ayurveda wird durch unregelmässiges Essen das Prinzip Vata gestört, das für alle Bewegungsabläufe in Körper und Geist zuständig ist.
Unser Immunsystem arbeitet je nach Tageszeit unterschiedlich
In über 100 klinischen Studien wurde untersucht, wie rund 70 Medikamente und Eingriffe zu verschiedenen Tageszeiten wirken. In drei Vierteln der Studien hing die Wirksamkeit auch vom Zeitpunkt der Behandlung ab (Quelle: Fachmagazin Science). Bei Krankheiten wie Krebs, Bluthochdruck, Asthma oder Arthritis kann die Uhrzeit also eine wichtige Rolle spielen.
Auch die Zahl der Immunzellen im Blut ändert sich im Tagesverlauf stark. Tagsüber sind mehr Zellen unterwegs, die Viren unschädlich machen. Morgens nimmt dagegen die Zahl anderer Immunzellen ab, die noch keinen Kontakt mit einem Erreger hatten. Das könnte erklären, warum Impfungen je nach Tageszeit unterschiedlich gut wirken.
Schichtarbeit ist wahrscheinlich krebserregend
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Nachtschichtarbeit als wahrscheinlich krebserregend ein (Gruppe 2A). Ein möglicher Grund: Viele Krebszellen haben keinen oder einen anderen Rhythmus als gesunde Zellen. Verändert man bei einer gesunden Zelle die Uhrengene, ändert sich auch ihr Verhalten, sie teilt sich seltener oder häufiger. Forschende wie die Krebsforscherin Angela Relógio von der Charité Berlin vermuten, dass eine Zelle so eher entartet. Endgültig erwiesen ist das noch nicht.
Bei langjähriger Schichtarbeit treten zudem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Depressionen häufiger auf. Auch wenn die Zusammenhänge noch nicht im Detail verstanden sind, hält Relógio es für sinnvoll, den eigenen Rhythmus zu schützen.
Die innere Uhr tickt nicht bei jedem Menschen gleich
Wenn die Uhrzeit die Wirkung von Medikamenten und Behandlungen so deutlich beeinflusst, warum wird das in der Praxis kaum genutzt? Ein Grund: Die innere Uhr tickt nicht bei allen gleich. Bekannt ist die Einteilung in Eulen und Lerchen, und viele Menschen liegen irgendwo dazwischen.
Für die Pharmaindustrie ist die Chronotherapie zudem wenig attraktiv, sagt der Genfer Forscher Ueli Schibler. Wird ein Medikament genau dann gegeben, wenn es am besten wirkt, braucht es weniger davon. Und klinische Studien, die Wirkung und Nebenwirkungen zu verschiedenen Tageszeiten prüfen, sind deutlich aufwendiger und teurer.
Ausserdem ist Chronobiologie in den meisten europäischen Ländern nicht Teil des Medizinstudiums. So fliesst das Wissen kaum in die ärztliche Praxis ein. Dabei gibt es laut der Leberspezialistin Sara Montagnese fast täglich neue Hinweise darauf, dass Störungen der inneren Uhr ernsthafte gesundheitliche Folgen haben können.
Einfache Massnahmen, um die innere Uhr zu stärken
Spitäler experimentieren schon länger mit Licht, um den Rhythmus ihrer Patientinnen und Patienten zu stärken und ihren Schlaf zu verbessern. Sie setzen ihnen zum Beispiel Brillen auf, die morgens helles, blau angereichertes Licht abgeben und abends den Blauanteil herausfiltern. Oder das Personal zieht morgens die Jalousien hoch und lässt sie nach dem Abendessen wieder herunter. Bei Schichtpersonal wird teilweise per Blutprobe die innere Uhr bestimmt, ergänzt durch Fragen zu Schlaf, Gesundheit, Konzentration und Zufriedenheit. So lassen sich Schichtpläne besser an den persönlichen Rhythmus anpassen.
Für den Alltag heisst das:
- Morgens möglichst bald nach dem Aufstehen ans Tageslicht gehen.
- Jeden Tag etwa zur gleichen Zeit aufstehen, auch am Wochenende.
- Regelmässig essen und die letzte grössere Mahlzeit nicht zu spät einnehmen.
- Abends das Licht dimmen und Bildschirme früher ausschalten.
- Koffein eher am Vormittag trinken.
Laut Sara Montagnese gibt es zahlreiche Dinge, die wir tun können, um unsere Rhythmen zu stärken. Das eigentlich Schwierige sei, die Menschen davon zu überzeugen, dass es wirklich wichtig ist.




