Ayurveda

Ayurveda bei Stress

Wie Ayurveda Stress erklärt (Vata, Sattva, Rajas, Tamas) und welche Tipps zu Ernährung, Schlaf, Atem und Meditation helfen können.

Von Stefan Geisse7 Min. LesezeitAktualisiert 18.04.2025
Ayurveda bei Stress

Ayurveda erklärt Stress als Folge eines unausgeglichenen Geistes: Die Qualität Sattva (Klarheit, Ruhe) sinkt, Rajas (Unruhe, Getriebenheit) und Tamas (Trägheit, Dumpfheit) nehmen zu, und das Dosha Vata gerät aus dem Gleichgewicht. Um gegenzusteuern, empfiehlt der Ayurveda vor allem einen regelmässigen Tagesablauf, warme, frisch gekochte Mahlzeiten, ausreichend Schlaf, Ölmassagen, bewusstes Atmen und Meditation. Das sind keine schnellen Lösungen, sondern Veränderungen im Alltag, die Zeit brauchen.

Stress gehört für viele zum Alltag: zu viele Aufgaben, Druck am Arbeitsplatz, schwelende Konflikte in Partnerschaft oder Familie, Angst vor Veränderungen und die ständige Erreichbarkeit. Dazu kommen unregelmässiges Essen, zu wenig frische Luft, Tageslicht und Bewegung.

Hinweis: Ayurveda ist eine traditionelle Lehre. Die Empfehlungen in diesem Artikel ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Wenn du unter anhaltendem Stress, Erschöpfung, Schlafstörungen oder Ängsten leidest, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Unterstützung bieten auch Pro Mente Sana (promentesana.ch), wie-gehts-dir.ch und in einer Krise Die Dargebotene Hand unter Telefon 143.

Stress durch einen unausgeglichenen Geist

Der Ayurveda, die jahrtausendealte indische Lehre vom gesunden Leben (eine Einordnung bietet Britannica: Ayurveda), sieht Stress als einen wichtigen Auslöser für Krankheit. Stress entsteht laut Ayurveda, wenn der Geist aus dem Gleichgewicht gerät. Geist meint hier Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen, aber auch Erinnerungen und Prägungen.

Symbolbild unruhiger Geist bei Stress

Ausgewogen ist der Geist nach ayurvedischer Sicht, wenn er stabil und stark ist und Falsches von Richtigem unterscheiden kann. Die Yogis nennen diese Unterscheidungskraft Viveka. Gerade Stress und Unentschlossenheit bringen den Geist aus dem Gleichgewicht.

Ayurvedische Qualitäten, die unseren Geist steuern

Nach Ayurveda und Yoga wird der Geist von zwei Unterformen der Doshas gesteuert: Prana Vata, ein Teil des Dosha Vata, lenkt Geist und Sinneswahrnehmungen. Sadhaka Pitta, ein Teil des Dosha Pitta, steuert die Emotionen und ihre Wirkung auf das Herz.

Dazu kommen die drei Grundqualitäten, im Yoga und Ayurveda Gunas genannt: Sattva steht für Wissen, Klarheit und Friedfertigkeit. Rajas steht für Aktivität und Leidenschaft. Tamas steht für Trägheit, Unwissenheit und Dumpfheit.

Störungen des Geistes: Unruhe, Erschöpfung und Angst

Laut Ayurveda entstehen Störungen des Geistes, wenn Sattva abnimmt und Rajas oder Tamas zunehmen. Dann geraten auch Prana Vata und Sadhaka Pitta aus dem Gleichgewicht: Sadhaka Pitta wirkt brennend, denn Pitta beruht auf dem Element Feuer. Prana Vata wirkt austrocknend, denn Vata beruht auf den trockenen Elementen Luft und Raum.

Hält dieser Zustand an, ist nach ayurvedischer Sicht der ganze Organismus gestresst. Typische Folgen sind innere Unruhe, Gedankenkreisen, Ängste, Niedergeschlagenheit und nervöse Erschöpfung. Solche Beschwerden gehören auch ärztlich abgeklärt, denn sie können viele Ursachen haben.

Warum wir unter Stress oft genau das Falsche tun

Ayurveda und Yoga geben klare Empfehlungen für den Umgang mit Stress. Wie belastbar ein Mensch ist, hängt laut Ayurveda davon ab, wie viel Sattva in ihm wirkt. Nimmt Sattva ab, sinken die mentale Stärke und die Fähigkeit, richtig von falsch zu unterscheiden.

Das habe ich in Ayurveda-Beratungen und Stress-Coachings oft beobachtet: Nehmen Rajas oder Tamas zu, verhält sich der Betroffene noch kontraproduktiver. Obwohl er es eigentlich besser weiss, verstärkt sein Verhalten den Stress.

Der Gestresste arbeitet noch mehr, gönnt sich noch weniger Pausen, isst schlecht und sorgt kaum noch für Ausgleich. Der Geist ist zu schwach, um gegenzusteuern. Die Stressfaktoren nehmen zu, ein Teufelskreis beginnt.

Wie sich das von innen anfühlt, hat mir Andrea nach einem Anti-Stress-Seminar sehr ehrlich geschrieben:

„Der Workshop hat mir einiges über mich selbst aufgezeigt, v. a. auch wie extrem getrieben ich nach wie vor bin und dass ich dringend etwas für mich selbst tun muss.“

Andrea, Teilnehmerin eines Anti-Stress-Seminars mit Stefan Geisse

Viel Arbeit und Stress im Büro, Symbolbild

Bei Stress Sattva stärken

Zeigen sich Stresssymptome wie Schlaflosigkeit, Verspannungen, Gereiztheit oder Verdauungsprobleme, empfiehlt der Ayurveda, Sattva bewusst zu stärken und gleichzeitig Rajas und Tamas zu verringern.

Ist genug Sattva vorhanden, wirken Rajas und Tamas sogar unterstützend. Rajas hilft, an schwierigen Aufgaben dranzubleiben, etwa um einen Konflikt konstruktiv zu lösen. Tamas sorgt für die nötige Schwere, um am Abend abschalten zu können oder am Wochenende einfach einmal nichts zu tun und sich tief zu erholen. In diesem Gleichgewicht tragen beide zur seelischen und körperlichen Gesundheit bei.

Tipps zum Stressabbau mit Ayurveda und Yoga

Ayurveda und Yoga setzen bei Körper und Geist an. Wichtig ist meiner Meinung nach zu verstehen, dass eine dauerhafte Veränderung der Lebensführung den Unterschied macht, nicht eine einzelne Massnahme. Welche Yogaübungen zu deiner Konstitution passen, liest du im Artikel Yoga nach der Konstitution üben.

Das ist für viele ungewohnt, weil wir gewohnt sind, für alles sofort eine Lösung zu haben, die Tablette gegen Kopfschmerzen zum Beispiel. Meine langjährige Erfahrung als Ayurveda-Berater und Stress-Coach zeigt aber, dass viele Menschen mit kleinen, beständigen Schritten deutlich gelassener werden. Probier es aus: Viele spüren nach kurzer Zeit erste Veränderungen, und das motiviert, dranzubleiben.

Dass Stress für viele kein abstraktes Thema ist, sehe ich in den Feedbackbögen nach meinen Auszeiten. Als Grund für die Teilnahme steht dort etwa: „Thema Stress ist sehr aktuell für mich.“ Oder schlicht: „Entschleunigen.“ Auf die Frage, was sie sich für ihre Weiterentwicklung wünschen, schreibt jemand: „Wieder zu mehr Energie zu gelangen.“ Genau hier setzt der Ayurveda an: nicht mit einer einzelnen Massnahme, sondern mit einem Alltag, der dich weniger auslaugt.

Lachen als Ausgleich zu Stress, Symbolbild

Angepasste Ernährung bei Stress

Um Stress zu verringern, empfehlen Ayurveda und Yoga Lebensmittel und Zubereitungen, die Sattva stärken. Das beruhigt zugleich das Vata-Dosha mit seinen Eigenschaften trocken, leicht, beweglich, rau und fein, das bei Stress meist erhöht ist. Iss frisch zubereitete, warme Mahlzeiten, achtsam gekocht und in Ruhe gegessen. Als sattvisch gelten zum Beispiel frisches Obst, Nüsse, getrocknete Früchte, Honig, gute Milch und Ghee (geklärte Butter).

Verzichte möglichst auf Lebensmittel, die Pitta und Rajas erhöhen, etwa Schwarztee, Kaffee, Weissmehlprodukte, Schokolade, weissen Zucker, Frittiertes und sehr scharfe Gewürze. Ebenso auf Lebensmittel, die Tamas erhöhen: laut Ayurveda zum Beispiel Fleisch, Fisch und Eier, stark verarbeitete Fertigprodukte, aufgewärmtes, altes Essen und Fast Food.

„Dass ich zuerst auf mich schaue und dann die anderen. Dass ich weiterhin dranbleiben werde, Ernährung, Umstellung etc. und dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Simone, Teilnehmerin einer Auszeit mit Stefan Geisse

Ausreichender und erholsamer Schlaf

Unter Stress sinkt die Schlafqualität. Schlechter und zu kurzer Schlaf erhöht wiederum die Stressbelastung, ein weiterer Teufelskreis. Aus ayurvedischer Sicht wird zudem die Verdauung beeinträchtigt, die im Ayurveda zentral ist, und die Doshas geraten weiter aus dem Gleichgewicht. Guter und ausreichender Schlaf ist also eine wichtige Grundlage, um Stress zu begegnen. Konkrete Empfehlungen findest du in den Tipps bei Schlafstörungen aus ayurvedischer Sicht.

Ayurveda-Kuren und Massagen

Ausleitende Panchakarma-Kuren gehören in die Hände von ärztlich ausgebildeten Fachpersonen und sollten nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden. Achtsam ausgeführte Ganzkörpermassagen mit warmem Öl (Abhyanga) und der Stirnguss (Shirodhara) erleben viele als tief entspannend. Nach ayurvedischer Lehre beruhigen sie das Nervensystem und nähren den gestressten Menschen, bei dem Vata oft erhöht ist, mit Zeichen wie Auszehrung, Nervosität, Angst und innerer Unruhe.

Vorsicht bei ayurvedischen Präparaten: Laut der US-Gesundheitsbehörde (NCCIH: Ayurveda, Wirksamkeit und Sicherheit) können manche Produkte Blei, Quecksilber oder Arsen in schädlichen Mengen enthalten. Gut gemachte Studien zur Wirksamkeit des Ayurveda gibt es bisher nur wenige. Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bevor du ayurvedische Mittel einnimmst, besonders in der Schwangerschaft, in der Stillzeit oder wenn du Medikamente nimmst.

Ayurvedische Ölmassage, Symbolbild

Bewusstes Atmen

Atem und Geist sind eng verbunden. Unter Stress schaltet das Nervensystem auf Kampf oder Flucht, der Atem wird kurz und flach. Schon einfache Atemübungen können helfen, wieder ruhiger zu werden: Beobachte deinen Atem und werde dir seiner bewusst.

Setz dich dafür in eine aufrechte und zugleich entspannte Haltung und nimm einige tiefe, langsame Atemzüge, die Ausatmung etwas länger als die Einatmung. Nach yogischer Lehre fördert bewusstes Atmen die Aufnahme von Prana, der Lebensenergie. Es gibt viele beruhigende Atemübungen aus dem Yoga, etwa die Wechselatmung Nadi Shodhana, die du leicht lernen kannst.

Meditation und Achtsamkeit bei Stress

Ich beobachte immer wieder mit grosser Freude, wie Teilnehmende meiner Auszeiten und Seminare durch Achtsamkeit und Meditation zur Ruhe kommen und gelassener mit Stress umgehen. Achtsamkeit hilft, Körper und Geist wahrzunehmen, ohne zu bewerten. Ein Weg dahin ist die Meditation.

In der Meditation werden die Gedanken, die bei Stress unruhig und sprunghaft sind, über längere Zeit auf eine Sache ausgerichtet (Dharana, die konzentrierte Ausrichtung des Geistes auf ein Objekt).

Meditation bei Stress

Dabei geht es nicht darum, „nichts zu denken“, sondern einen freundlichen Umgang mit dem aktiven Geist zu üben. Viele erleben, dass der Atem tiefer und langsamer wird und sich Muskeln und Nerven entspannen. Das Nervensystem kann vom Stressmodus in die Erholung (Parasympathikus) wechseln.

Mit wachsender Übung können sich hinderliche Gedankenmuster wie „Sei perfekt“ oder „Sei stark“ lockern. Erfahrene Meditierende pflegen Gleichmut und liebevolle Güte, für mich die Schlüssel für ein gelasseneres Leben.

Über den Autor

Stefan Geisse ist Yogatherapeut, Meditationslehrer und Ayurveda-Berater für Ernährung und Psychologie. Er leitet regelmässig Stress-Auszeiten beim Kloster Engelberg und im Berner Oberland, in denen die Teilnehmenden Achtsamkeit, Meditation und Yoga üben und erleben, wie ein ruhiger Tagesrhythmus wirkt.

Der Artikel wurde ursprünglich von einem Beitrag des Verbandes Europäischer Ayurveda-Ärzte und Therapeuten angeregt („Wertvolle Tipps zum Stressabbau mit Ayurveda“ von Martina Thurner).

Stefan Geisse

Über den Autor

Stefan Geisse

Yogalehrer in der Tradition von T.K.V. Desikachar, Coach und Organisator des Yogafestivals Summer of Love. Er leitet Auszeiten beim Kloster Engelberg und Yoga Retreats im Berner Oberland. Vorher über 15 Jahre im Management internationaler Konzerne.

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