Yoga Nidra ist eine geführte Tiefenentspannung im Liegen. Eine Stimme leitet dich durch den Körper, den Atem, Empfindungen und innere Bilder, während du in einen Zustand zwischen Wachsein und Schlafen gleitest. Eine Sitzung dauert meist 20 bis 45 Minuten. Du brauchst keine Vorkenntnisse und keine Beweglichkeit, nur einen ruhigen Ort, an dem du liegen kannst. Viele erleben dabei eine Ruhe, die tiefer geht als ein Mittagsschlaf. Erste Studien deuten darauf hin, dass Yoga Nidra Stress und Anspannung verringern kann, die Qualität der Forschung ist aber noch bescheiden.
Was ist Yoga Nidra?
Nidra heisst auf Sanskrit Schlaf, Yoga Nidra wird deshalb oft yogischer Schlaf genannt. Der Name ist ein wenig irreführend. Ziel ist nicht, einzuschlafen, sondern wach zu bleiben, während der Körper so tief entspannt wie im Schlaf. Du bist da, aber du musst nichts tun.
In seiner heutigen Form hat Swami Satyananda Saraswati Yoga Nidra im 20. Jahrhundert zusammengestellt, mit Wurzeln in älteren Praktiken des Yoga und Tantra. Inzwischen gibt es viele Varianten. Die meisten folgen aber noch dem Grundgerüst, das du weiter unten findest.
Wie unterscheidet sich Yoga Nidra von Meditation und Autogenem Training?
- Meditation übst du meist im Sitzen, oft in Stille und mit einem einzigen Anker, etwa dem Atem oder einem Mantra. Yoga Nidra übst du im Liegen und wirst die ganze Zeit angeleitet. Für viele ist das der leichtere Einstieg, gerade wenn der Kopf voll ist.
- Autogenes Training arbeitet mit wenigen festen Formeln wie „Mein rechter Arm ist schwer“, die du nach einiger Zeit allein üben kannst. Yoga Nidra ist abwechslungsreicher und führt neben dem Körper auch durch Gefühle und Bilder. Wie Autogenes Training funktioniert, beschreibt die Anleitung zum Autogenen Training.
- Schlaf geschieht von selbst, und du bekommst nichts davon mit. In Yoga Nidra bleibt ein Teil von dir wach und beobachtet.
Wie läuft eine Yoga Nidra Sitzung ab?
Je nach Lehrerin oder Lehrer unterscheiden sich die Details. Eine klassische Sitzung in der Tradition von Satyananda hat etwa diese Stationen:
- Ankommen: Du liegst auf dem Rücken, bist zugedeckt und machst es dir bequem. Du nimmst wahr, wie der Körper auf der Unterlage liegt, und hörst die Geräusche um dich herum.
- Sankalpa: Du formulierst einen kurzen, positiven Entschluss, zum Beispiel „Ich bin ruhig und gelassen“, und wiederholst ihn innerlich drei Mal.
- Reise durch den Körper: Die Stimme nennt in schneller Folge einzelne Körperstellen, vom rechten Daumen bis zum Scheitel. Du lenkst die Aufmerksamkeit jeweils kurz dorthin, ohne etwas zu bewegen.
- Atem: Du beobachtest den Atem, oft zählst du dabei rückwärts.
- Gegensätze: Du spürst nacheinander Schwere und Leichtigkeit, Wärme und Kälte. Das klingt seltsam, bringt die Aufmerksamkeit aber sehr nah an das, was im Körper geschieht.
- Bilder: Die Stimme nennt rasch hintereinander Bilder, etwa einen Sonnenaufgang, eine brennende Kerze oder einen stillen See. Du lässt sie auftauchen und wieder gehen.
- Sankalpa wiederholen: Am Ende kehrst du zu deinem Entschluss zurück. Im tief entspannten Zustand gilt der Geist als besonders offen dafür.
- Zurückkommen: Du nimmst den Raum wieder wahr, bewegst Finger und Zehen, rollst dich auf die Seite und stehst langsam auf.
Die schnelle Folge der Körperstellen ist kein Zufall. Sie ist zu langsam, um einzuschlafen, und zu schnell, um ins Grübeln zu kommen. Der Kopf hat genau so viel zu tun, dass er nicht abschweift.

Warum wirkt Yoga Nidra so tief?
Im Yoga gibt es dafür ein Bild aus der Taittiriya Upanishad. Der Mensch besteht danach aus fünf Hüllen, den Koshas, die wie Schichten ineinanderliegen: der Körper, Atem und Lebensenergie, Gedanken und Gefühle, Einsicht und Klarheit und ganz innen tiefe Freude und Frieden. Stress sitzt nicht nur in den Schultern. Er zeigt sich im Atem, in den Gedanken und in den Gefühlen.
Yoga Nidra geht diese Schichten der Reihe nach durch. Erst den Körper, dann den Atem, dann Empfindungen und Gefühle, dann Bilder. So wird nicht nur eine Ebene ruhig, sondern eine nach der anderen. Mehr über das Modell erfährst du im Artikel über das Kosha Modell.
„Ich habe gar nicht gewusst, dass ich total loslassen kann und meine Umwelt nicht mehr wahrnehme (z. B. durch die Traumreise oder Yoga Nidra). Ein unglaubliches Gefühl!“
Hubert, Teilnehmer einer Auszeit mit Stefan Geisse
Was sagt die Forschung zur Wirkung von Yoga Nidra?
Die bisher grösste Übersicht stammt aus dem Jahr 2025. Ein Forschungsteam um Ghai hat in den Annals of the New York Academy of Sciences 73 Studien mit zusammen 5201 Teilnehmenden ausgewertet. Das Ergebnis: Wer Yoga Nidra übte, berichtete im Vergleich zu anderen Gruppen von weniger Stress, weniger Angst und weniger depressiven Beschwerden. Die Effekte waren mittel bis gross.
Die Autoren schreiben aber selbst, dass man diese Zahlen vorsichtig lesen muss. Viele der Studien waren klein und methodisch schwach, und Yoga Nidra wurde sehr unterschiedlich angeleitet. Die tatsächliche Wirkung dürfte deshalb kleiner sein als die gemessene. Ehrlich zusammengefasst: Die Hinweise sind ermutigend, ein sicherer Nachweis fehlt noch. Gute, grössere Studien stehen aus.
Zur Sicherheit von Entspannungs- und Meditationsverfahren schreibt das US-Gesundheitsinstitut NCCIH in seinem Überblick zu Meditation und Achtsamkeit, dass sie meist als risikoarm gelten, mögliche unerwünschte Wirkungen aber kaum untersucht sind. In einer dort zitierten Auswertung berichteten etwa acht Prozent der Teilnehmenden von negativen Erfahrungen, am häufigsten von Angst und Niedergeschlagenheit.
Hilft Yoga Nidra bei Depressionen?
Diese Frage stellen viele, und sie verdient eine vorsichtige Antwort. In den Studien der Übersicht oben gingen depressive Beschwerden bei den Übenden zurück. Das heisst aber nicht, dass Yoga Nidra eine Depression behandeln kann. Eine Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, die ärztliche oder psychotherapeutische Begleitung braucht.
Wenn du in Behandlung bist und Yoga Nidra ausprobieren möchtest, sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Therapeutin darüber. Achte gut darauf, wie es dir dabei geht. Manche Menschen erleben die Stille und die inneren Bilder als belastend, besonders wenn schwere Erfahrungen hochkommen. Dann ist es in Ordnung, die Augen zu öffnen, aufzustehen und die Übung abzubrechen.
Unterstützung bekommst du bei deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, bei Pro Mente Sana (promentesana.ch) und auf wie-gehts-dir.ch. Wenn du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, ruf Die Dargebotene Hand an, rund um die Uhr unter Telefon 143. Im Notfall wählst du 144. Yoga Nidra ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Yoga Nidra am Abend oder am Tag?
Beides geht, mit unterschiedlicher Wirkung. Am Nachmittag oder nach der Arbeit wirkt Yoga Nidra für viele wie ein Neustart: Danach fühlen sie sich wach und klar statt müde. Am Abend im Bett ist es eine sanfte Einschlafhilfe, und es ist völlig in Ordnung, wenn du dabei einschläfst. Eine Frau, die eine Weile mit meiner Meditations-CD geübt hatte, schrieb mir dazu, sie wisse nun, dass sie damit gut „runterfahren“ und ihre Batterien aufladen könne, aber eben nicht abends, ausser sie brauche eine Einschlafhilfe.
Probier aus, was für dich passt. Wenn du nachts wach liegst und die Gedanken kreisen, findest du weitere Ideen im Artikel Gedankenkarussell stoppen. Tipps aus dem Ayurveda für einen ruhigen Abend stehen im Artikel Ayurveda bei Schlafstörungen.
Kurze Anleitung: Yoga Nidra zum Selbstüben in zehn Minuten
Am leichtesten ist Yoga Nidra mit einer Stimme, die dich führt. Du kannst eine kurze Form aber auch allein üben. Lies die Schritte vorher zwei, drei Mal durch, dann musst du während der Übung nicht nachschauen.
- Leg dich auf den Rücken, ein Kissen unter den Knien, eine Decke über dir. Die Arme liegen neben dem Körper, die Handflächen zeigen nach oben. Schliess die Augen.
- Nimm drei bewusste Atemzüge und lass mit jeder Ausatmung den Körper etwas schwerer werden.
- Wähle einen kurzen Satz als Sankalpa, positiv und in der Gegenwart, und sag ihn innerlich drei Mal.
- Wandere mit der Aufmerksamkeit durch den Körper: rechte Hand, jeder Finger einzeln, Handgelenk, Unterarm, Ellbogen, Oberarm, Schulter, dann die rechte Körperseite hinunter bis zu den Zehen. Danach die linke Seite. Verweil nur einen Augenblick an jeder Stelle.
- Spür den ganzen Körper auf einmal, wie er daliegt.
- Beobachte den Atem und zähle von 27 rückwärts bis 1, ein Atemzug pro Zahl. Verzählst du dich, beginn einfach wieder bei 27.
- Wiederhole deinen Sankalpa drei Mal.
- Bewege Finger und Zehen, streck dich, roll dich auf die rechte Seite und bleib dort noch einen Moment, bevor du aufstehst.
Tipps für die ersten Male
- Wenn du einschläfst, ist das kein Fehler. Dann brauchte dein Körper genau das. Mit etwas Übung bleibst du länger wach.
- Üb nicht mit vollem Magen und nicht, wenn du gleich danach voll konzentriert sein musst, zum Beispiel vor dem Autofahren.
- Mit Kopfhörern und einer Augenmaske gelingt es auch in einer lauten Wohnung.
- Regelmässig kurz ist wirksamer als selten lang. Zwei- bis dreimal pro Woche ist ein guter Anfang.
- Wenn dein Kopf bei jeder Stille sofort zu kreisen beginnt, ist eine angeleitete Aufnahme leichter als das Üben allein.
Wie übe ich Yoga Nidra in meinen Auszeiten?
Yoga Nidra gehört bei meinen Wochenenden fest dazu, und in den Rückmeldungen danach wird es immer wieder ausdrücklich genannt. Wie Hubert oben sind viele überrascht, dass sie überhaupt so loslassen können. Das Liegen, die Decke und eine Stimme, der man einfach folgen darf, machen es leicht, endlich einmal nichts leisten zu müssen.
„Ein besonderes Highlight für uns war das Yoga Nidra, den Raum mit den vielen Kerzen geschmückt, zum Ende noch die sanfte und zarte Stimme von Kerstin beim Mantra singen. Das war einfach sehr berührend!“
Gaby, Teilnehmerin eines Ayurveda und Yoga Wochenendes
Für zu Hause habe ich eine ausführliche Yoga Nidra von 41 Minuten aufgenommen, sie gehört zum Online-Kurs Ruhe im Alltag. Wenn du Yoga Nidra lieber zuerst in einer kleinen Gruppe und mit persönlicher Anleitung erleben möchtest, ist ein Yoga Wochenende ein guter Rahmen dafür.




