„Als ich mich selbst zu lieben begann“ ist ein Gedicht über Selbstliebe, das im Internet fast immer Charlie Chaplin zugeschrieben wird. Tatsächlich geht der Text auf die Amerikanerin Kim McMillen zurück, auf ihr Buch „When I Loved Myself Enough“ aus dem Jahr 1996. Ich lese es seit Jahren in meinen Yogastunden zur Herzöffnung vor. Hier erfährst du, wer es geschrieben hat, worum es darin geht und wie ich es mit Rückbeugen und Atem verbinde.
Eine Yogastunde zur Herzöffnung
Eine meiner liebsten Yogastunden, die ich immer wieder in meinen Retreats und Seminaren gebe, ist die Herzöffnung mit zum Teil länger gehaltenen Rückbeugen. Das Ziel: den Brustraum weiten, den Atem vertiefen und dem Herzchakra Raum geben.
Das Herzchakra: Bindeglied zwischen materiellem und spirituellem Leben
In der yogischen Lehre liegt das Herzchakra als viertes von sieben Hauptenergiezentren in der Mitte der Brust, auf Höhe des Herzens. Chakren sind ein Modell aus indischen Traditionen, kein anatomischer Befund, wie die Britannica zum Begriff Chakra erklärt. Als Bild für die Praxis finde ich es trotzdem sehr hilfreich.
Das Herzchakra bildet die Brücke zwischen den unteren und den oberen Chakren, zugeordnet ist ihm das Element Luft. Es verbindet nach dieser Vorstellung die weltliche mit der feinstofflich-spirituellen Ebene, unser Leben als Mensch mit etwas Grösserem. Viele nennen es Seele. Manche Yogaphilosophien unterscheiden weiter zwischen Individualseele (Atman) und Weltenseele (Paramatman).
Das Herz: Sitz der Liebe und des Mitgefühls
Dem Herzchakra werden Qualitäten wie Liebe, Hingabe, Mitgefühl, Feingefühl und Herzensfreude zugeschrieben.

Ist der Energiefluss im Herzen blockiert, zeigen sich nach yogischem Verständnis Ängste und Rückzug. Ich beobachte oft, dass Menschen nicht in ihre Kraft kommen, weil sie Angst vor Herzschmerz, Trauer und Verletzung haben. Und manche tun sich schwer damit, Liebe anzunehmen und sich nähren zu lassen.
Blockaden im Herzen zeigen sich in der Körperhaltung
Die Angst, sich zu öffnen, ist oft im Körper sichtbar: Die Schultern ziehen nach vorne und oben, der Kopf sinkt, der Brustkorb fällt ein, oberer Rücken und Nacken werden rund.
Das ist eine verständliche Schutzhaltung. Wer Angst hat, in der Mitte verletzt zu werden, macht zu. Ein tiefer, freier Atem ist in dieser Haltung kaum möglich. Die Folge sind oft wenig Energie, wenig Lebensfreude und wenig Offenheit für Neues. Wer so dasteht, signalisiert anderen eher Abwehr und bekommt selten Herzlichkeit zurück. Das verstärkt den Rückzug, ein Kreislauf.
Mit Yoga zu einem offenen Herzen
In einer Gesellschaft, die materiellen Erfolg, Durchsetzungsvermögen und Kampfgeist belohnt, wirken die weichen Qualitäten des Herzens wie Liebe, Mitgefühl und Vergebung auf den ersten Blick wenig nützlich. Wer sie lebt, zeigt sich verletzlich. Dafür braucht es Vertrauen, und dieses Vertrauen haben viele nie gelernt, weil auch die Menschen, die sie geprägt haben, es nicht erfahren durften.

Yoga kann helfen, dieses Vertrauen in die eigenen Qualitäten wiederzufinden und damit auch die Selbstliebe zu stärken. In meinen Herzstunden arbeite ich mit bewusst ausgeführten Rückbeugen wie dem Tänzer, mit tiefem Atem, Visualisierungen und Affirmationen. Die Rückbeugen werden langsam aufgebaut, der Atem führt die Bewegung. Niemand muss weiter gehen, als es sich gut anfühlt. Warum gerade feurige Pitta-Menschen von Herzöffnern profitieren, erkläre ich im Artikel Yoga nach der Konstitution üben.
„Lieber Stefan, herzlichen Dank für diese wunderbare Herzöffnung.“
Kathrin, in einer Nachricht an Stefan Geisse
Als ich mich selbst zu lieben begann: wer hat das Gedicht geschrieben?
Lange habe ich das Gedicht, wie fast alle, als Text von Charlie Chaplin vorgestellt, angeblich verfasst zu seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959. Diese Zuschreibung ist nicht belegt. Der Text stammt aus dem Buch „When I Loved Myself Enough“ von Kim McMillen. Die deutsche Fassung, die heute kursiert, ist eine freie Übertragung, die sich später verselbständigt hat.

Jede Strophe beginnt mit derselben Zeile und endet mit einer Erkenntnis. So klingt der Anfang einer Strophe:
„Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen …
Heute weiss ich: Das nennt man REIFE.“Kim McMillen, aus „When I Loved Myself Enough“, deutsche Fassung
Worum es in dem Gedicht geht
In den weiteren Strophen beschreibt das Gedicht, was sich verändert, wenn man beginnt, sich selbst wohlwollend zu begegnen. Es geht um Vertrauen, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Um Authentizität, weil emotionaler Schmerz zeigen kann, dass man gegen die eigene Wahrheit lebt. Um Ehrlichkeit, die eigene freie Zeit nicht mehr zu verschenken und Dinge im eigenen Tempo zu tun. Um den Mut, sich von dem zu lösen, was einem nicht guttut, seien es Menschen, Gewohnheiten oder Situationen. Und um Demut, Bewusstheit im gegenwärtigen Augenblick und die Verbindung von Kopf und Herz.
Noch immer berührt mich dieser Text zutiefst, wenn ich ihn in meinen Yogastunden vorlese. Nach den Rückbeugen ist der Brustraum weit und der Atem ruhig, und die Worte kommen anders an als beim Lesen am Bildschirm.
Auch in den Rückmeldungen nach meinen Auszeiten werden die Texte erwähnt, die ich in den Stunden vorlese. Susanna schrieb nach einem Wochenende: „Die tollen Meditationsübungen, die Zitate, es war einfach sehr erfolgreich.“ Wie weit ein solcher Text tragen kann, zeigt mir eine Nachricht von Anita. Sie wollte das Gedicht, damals noch unter Chaplins Namen, an die Teilnehmerinnen ihres eigenen Yin-Yoga-Workshops weitergeben:
„…das Gedicht von Charlie Chaplin ‚Als ich mich selbst zu lieben begann‘ zu seinem 70. Geburtstag werde ich meinen Yinyoga-Teilnehmerinnen beim nächsten Workshop mitgeben. Du siehst, du hast viel bewirkt!“
Anita, nach einer Beratung bei Stefan Geisse
Wenn du eine solche Stunde selbst erleben möchtest: Herzöffnende Sequenzen gehören in vielen meiner Yoga Retreats in der Schweiz dazu.



